Von L.G.

Tutzinger Arbeitgeber entsetzt

Entzogene Arbeitserlaubnisse für Flüchtlinge sorgen für Frust - Gastronomen benötigen dringend Personal

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Er ist das "ewige Hin und Her" mit Behörden leid: Da packt Fritz Häring lieber in der Küche selbst mit an © L.G.

Es wirkt paradox: Etienne Sebineza will arbeiten, aber er darf nicht. Aber was der junge Mann aus dem Kongo und seine bisherigen Arbeitgeber im „Tutzinger Hof“ erleben, ist mittlerweile der Normalfall. Gastronomiebetriebe in Tutzing und rund um den Starnberger See suchen händeringend Personal, Asylbewerber würden nur zu gern bei ihnen arbeiten - aber die Behörden verhindern es.

Auch im Midgardhaus bewerben sich immer wieder Flüchtlinge. Sie fragen den Chef Fritz Häring dann, ob er für sie eine Arbeitserlaubnis beantragen könne. Aber er ist in dieser Hinsicht mittlerweile gebranntes Kind: „Das mach’ ich nimmer.“ Ein junger Mann aus Pakistan hat bei ihm ein Praktikum gemacht, wie er erzählt, dann aber keine Arbeitserlaubnis erhalten.

Daraufhin hat Häring nach eigenen Angaben dem Starnberger Landrat Karl Roth einen Brief geschrieben. Die Angelegenheit sei „ewig hin und her“ gegangen, bis der Mann dann doch endlich seine Arbeitserlaubnis erhalten habe. Aber das alles ist Häring zu aufwändig.

Einige Pakistani arbeiten im Midgardhaus in der Küche. Bisher haben sie Arbeitserlaubnisse bekommen, doch auch das ist deutlich schwieriger geworden.

Auch Andreas Fink, der Wirt des Yachtclubs und des Museumsschiffs, hat schon Asylbewerber beschäftigt. Doch das sei inzwischen schwierig geworden, sagt auch er: „Viele Flüchtlinge dürfen nicht arbeiten.“

Von der einen zur anderen Behörde

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Petra Gsinn muss selbst noch mehr als ohnehin schon arbeiten, weil Etienne Sebineza nicht darf © L.G.

Die Inhaberin des Tutzinger Hofs, Petra Gsinn, und ihr Lebensgefährte Rolf Läkamp wollen sich damit nicht abfinden. Sie schwärmen von ihrem kongolesischen Mitarbeiter. Er sei sehr hilfsbereit, kommunikativ und gehe auf die Menschen zu: „Die Gäste mochten ihn sehr gern.“

Der junge Mann aus dem Kongo hat eines Tages im April vorigen Jahres im Tutzinger Hof gestanden. Er hatte eine Stellenanzeige der Betreiber gelesen und nach Arbeit gefragt. Weil dringend Personal benötigt wurde, erhielt er seine Chance. Er machte in der Gaststätte erst einmal ein Praktikum. Vom Landratsamt Weilheim erhielt er eine Arbeitserlaubnis bis April 2020, obwohl sein Ausweis nur bis Mai 2018 gültig war. Dann wurde er in den Zimmern eingesetzt und schließlich bei der Zubereitung des Frühstücks.

Aber dann ging es von der einen zur anderen Behörde. Im Mai dieses Jahres aber kam aus Weilheim die Mitteilung, dass das Landratsamt nicht mehr zuständig sei und dass Sebineza zur Verlängerung seines Ausweises nach München zur Ausländerbehörde müsse. Dort fuhr er gleich hin - aber was für eine Enttäuschung: Sein Ausweis wurde von der Behörde sofort ungültig gemacht.

„Ich kann’s mir nur so erklären, dass sein Asylantrag in Deutschland abgelehnt wird, weil ein Asylantrag von ihm in Griechenland schon genehmigt worden ist“, sagt Petra Gsinn. Von der dortigen Genehmigung habe er aber gar nichts erfahren. Nach seiner Flucht aus dem Kongo war er über die Türkei zunächst nach Griechenland gekommen, wo er wegen illegaler Einreise erst mal verhaftet wurde und auf nachdrückliche Aufforderungen hin einen Asylantrag ausfüllte. Nun befürchtet Petra Gsinn, dass er nach Griechenland zurück muss.

Entscheidungs-Änderungen der Behörden erschweren betriebliche Planungen

Etliche Tutzinger Arbeitgeber sind sichtlich entsetzt über die Entwicklung. Sie benötigen dringend Personal, würden gern Flüchtlinge beschäftigen, die ebenso gern bei ihnen arbeiten würden - aber immer wieder scheitert es an den Behörden. Die Entziehung von Arbeitserlaubnissen sorgt für Frust - erst recht, wenn sie von den Behörden zuvor für längere Zeit erteilt worden waren wie im Fall Sebineza. Wenn dann plötzlich andere Entscheidungen getroffen werden, erschwert dies eine langfristige betriebliche Planung erheblich.

In Tutzing werde mittlerweile praktisch keine Arbeit mehr an Flüchtlinge vermittelt: Das sagen mit erkennbarer Enttäuschung Mitarbeiter des Ökumenischen Unterstützerkreises, die sich über lange Zeit mit großem persönlichen Aufwand um berufliche Tätigkeiten für Asylbewerber bemüht haben
Firmen verlieren ausländische Mitarbeiter

„Er will arbeiten“, sagt die Inhaberin des Tutzinger Hofs über Etienne Sebineza - ein Hinweis, der tief blicken lässt. An vier Tagen in der Woche hat sie eine Aushilfskraft, aber an drei Tagen muss sie jetzt die Arbeit selbst erledigen, die er übernommen hatte - zusätzlich zu ihren sonstigen Tätigkeiten. Alle möglichen Hebel haben sie und Rolf Läkamp schon in Bewegung zu setzen versucht - über Parteien, über das Arbeitsamt, das Landratsamt und die Ausländerbehörde. Ein Tutzinger SPD-Vorstandsmitglied hat in dieser Angelegenheit sogar schon einen Hilferuf an Bundesarbeitsminister Hubertus Heil gesandt Tutzinger Hilferuf an Arbeitsminister Heil Doch bisher war keiner dieser Vorstöße erfolgreich. Läkamp scheint schon kurz vor einem weit reichenden Entschluss zu stehen: „Ich würde ihn sogar adoptieren.“

Quelle Titelbild: L.G.
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