Nelly, Lumpi, Chippy, Krümel und Giro heißen die jungen Mauersegler, die am Dienstag in die Freiheit entlassen wurden. Dr. Ninon Ballerstädt und ihr Lebensgefährte Alois Seidl kamen abends mit einer Reihe von Kisten ins Würmseestadion. Darin waren die Vögel verstaut. Und auf den Kisten standen die Namen der kleinen Tiere und die der Menschen verzeichnet, die sie verletzt, zu schwach oder krank gefunden und dann zu Ninon Ballerstädt gebracht hatten.
Etwa 50 Interessenten hatten sich zu dem Mauersegler-Start eingefunden. Auch die Klasse 3 c der Tutzinger Grundschule war mit ihrer Lehrerin Elisabeth Held gekommen, um zu sehen, wie die Vögel den Start in ihr neues Flugleben wagten. In der Schule hatte Ninon Ballerstädt ihnen neulich die Mauersegler erklärt. Und am Tag darauf fand eine Schülerin tatsächlich einen jungen verletzten Vogel. Eine Dame, die vorbeikam, brachte den kleinen Patienten zu Frau Ballerstädt.
Die Nestlingszeit eines Seglers ist extrem lang. Mindestens 42 Tage, also ungefähr sechs Wochen. Zum Vergleich: Ein Amselküken verlässt bereits nach 12 bis 16 Tagen sein Nest. Dafür ist ein Mauerseglerkind, wenn es sich zu seinem ersten Flug aus dem Nest stürzt, sofort selbstständig. Der junge Mauersegler wird außerhalb des Nestes nicht mehr von seinen Eltern versorgt.

Im Tutzinger Fall haben die Mauersegler im Durchschnitt drei bis vier Wochen lang Quartier bei Dr. Ninon Ballerstädt und Alois Seidl. Oft sind es Segler, die mit zwei Wochen aus dem Nest gestürzt sind, noch nicht fliegen können und von tierliebenden Menschen gefunden und zu Frau Ballerstädt gebracht werden. Die „Vogelmutter“, die von Haus aus Geologin, speziell Paläontologin ist, päppelt ihre Patienten mit unendlicher Mühe und Geduld auf: Mit tiefgefrorenen Grillen, 10 Kilo-weise gekauft, die kurz vor der Fütterung gekocht werden. Bienenmaden sind auch eine willkommene Speise.
Etwa 50 Euro kostet das Futter für jeden Vogelpatienten von Ninon. Daher wurde am Dienstag ein Sparschwein herumgereicht, denn die Kosten übersteigen irgendwo die Möglichkeiten des Tierpflege-Paares. Ausführlich erklärte Frau Dr. Ballerstädt, wie das Füttern vor sich geht, und alle konnten zuschauen. Der Mauersegler wird in Küchentuch eingehüllt in die Hand genommen, um sein Gefieder zu schonen. Dann öffnet Ninon seinen Schnabel und verabreicht ihm die Grillen-Brocken mit der Pinzette. Und das Ganze passiert so sechs- bis achtmal am Tag. Schließlich muss der kleine Vogel Kraft haben für den folgenden, lange andauernden Flug.
Alle Zuschauer waren begeistert, als die Mauersegler sich von Ninon Ballerstädts Händen lösten und in die Weite über dem Würmseestadion aufstiegen. Nur zwei der Vögel waren noch nicht kräftig genug, um wegzufliegen. Sie werden eine neue Chance erhalten.
Fast sein ganzes Leben verbringt der Mauersegler in der Luft. Er frisst in der Luft, er kann sich dort sogar paaren, und er übernachtet in der Luft. Pro Jahr legt er etwa 200 000 Kilometer zurück und das mit Spitzengeschwindigkeiten von über 200 Stundenkilometern. Vor zehn Jahren haben Forscher mit winzigen Sendern nachgewiesen, dass die Mauersegler die ganze Nacht tatsächlich in 2000 bis 3000 Meter Höhe verbrachten. Forscher vermuten, dass die Mauersegler dadurch beim Fliegen schlafen können, dass nur eine Gehirnhälfte schläft, während die andere Hälfte putzmunter ist.
Die ersten Mauersegler im Landkreis Starnberg kommen etwa Anfang Mai bei uns an. Bis Mitte Mai ist die große Masse hier versammelt. Abreise für alle nichtbrütenden Segler ist Ende Juli. Einige Altvögel, die noch Junge zu versorgen haben, bleiben bis Mitte/Ende August. Die großen Seglertrupps, die sich abends am Himmel versammeln und kreischend ihre wilden Flugspiele vollführen, sind also nur drei Monate zu beobachten.
Woran erkennt man einen Mauersegler? Das eindeutigste Merkmal sind seine Füße. Beine und Füße sind extrem kurz, aber sehr kräftig. Beim befiederten Segler verschwinden sie vollständig unter dem Körper, so dass es den Anschein hat, als habe der Vogel überhaupt keine Füße. Das hat ihm auch seinen wissenschaftlichen Namen „Apus apus“ (der „Fußlose“) eingebracht. Alle vier Zehen der Mauersegler weisen nach vorn und sind mit starken Krallen versehen. Solche Füße taugen nicht zum Laufen oder Hüpfen. Weil sie hinten keine Zehe haben, können sie nicht auf Leitungen sitzen – wie etwa Schwalben.
Mauersegler heißen zwar Segler oder Nachtschwalben. Sie sind aber überhaupt nicht mit den Schwalben, die zu den Singvögeln gehören, verwandt. Stattdessen sind die Mauersegler die nächsten Verwandten der Kolibris. Und die Mauersegler haben nur einen Ruf: ein langgezogenes, kreischendes „Sriii“.
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