Gemeindeleben
30.4.2018
Von vorOrt.news

Nah bei der grünen Keimzelle

In Tutzing gibt es seit 1993 einen Ortsverband - der Parteiname wurde vor 40 Jahren in Krailling erfunden

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Grüne Keimzelle: So wurde in den frühen Jahren für die Partei geworben © L.G.

14 Besucher sind vor wenigen Wochen zu einer Ortsversammlung der Grünen in Tutzing gekommen. Das berichtete Bernd Pfitzner, einer der beiden Tutzinger Gemeinderäte dieser Partei, stolz am Rande, als die Grünen im Landkreis Starnberg am Wochenende ihr 40-jähriges Bestehen gefeiert haben. Das Interesse mag gering erscheinen, wird aber von den Tutzinger Grünen wie eine kleine Aufbruchstimmung empfunden. Sie haben nämlich überhaupt nur zwölf Mitglieder - was ein Höchststand ist.

„Im Landkreis Starnberg war die Keimzelle grüner Politik“, sagte bei der Jubiläumsfeier in Weßling Kerstin Täubner-Benicke aus Starnberg stolz, die sich mit dem Tutzinger Bernd Pfitzner den Kreisvorsitz teilt. Der erste Gemeinderat der Grünen im Landkreis überhaupt war Peter Unger in Gilching. Tutzing ist also nah bei der grünen Keimzelle. Bei den frühen Anfängen waren die Tutzinger noch nicht dabei. Die grünen Vorreiter befanden sich aber nicht weit entfernt. „Hier, in Krailling, im Landkreis Starnberg haben wir den Namen ‚Die Grünen’ erfunden“, erzählte Ruth Paulig aus Herrsching, die von 1986 bis 1994 Landtagsabgeordnete und in frühen Jahren auch bayerische Landesvorsitzende der Grünen war. Die Landespartei und die deutsche Partei seien erst später gekommen, die europäischen Grünen sogar erst 25 Jahre später.

Tutzinger Grüne waren relativ spät dran

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Zwei Generationen Tutzinger Grüner bei der Jubiläumsfeier in Weßling: Links Bernd Pfitzner (49), rechts Johannes Schweinberger (70) © L.G.

Den Tutzinger Ortsverband der Grünen hat Johannes Schweinberger 1993 gegründet - und zur selben Zeit auch den Pöckinger Ortsverband. Er ist damals von Pöcking nach Tutzing umgezogen. „Wir waren in Tutzing relativ spät dran“, sagte Schweinberger am Rande der Jubiläumsfeier im Weßlinger Pfarrstadl. Als Problem für die Mitgliedergewinnung in Tutzing bezeichnete er es, dass viele jüngere Leute aus Tutzing wegziehen.

Zur Jubiläumsfeier kamen etliche „Urgüne“ in den Weßlinger Pfarrstadl, so neben Ruth Paulig und Peter Unger auch der erste Kreis- und Landesvorsitzende Klaus Resch, der damals in Starnberg gelebt hat. Da wurden viele Erinnerungen ausgetauscht.

„Wenn wir einen Infostand hatten, sind die Leute 50 oder 100 Meter vorher auf die andere Straßenseite gegangen“, erzählte Ruth Paulig. „Wir wurden als Spinner bezeichnet“, sagte Unger, und es klang immer noch etwas bitter: „Es war zum Teil ein feindseliges Klima.“ Auf einem Seminar für Kommunalpolitiker habe ein Referent aus dem Innenministerium damals vor der „grünen Gefahr“ gewarnt. Heute werde das alles gelassen gesehen, sagte Ruth Paulig: „Jetzt stehen sie da und ratschen.“ Die Wertschätzung sei enorm gestiegen.

Auch interne Schwierigkeiten wurden bei der Feier nicht ausgespart. Von schmerzhaften Geburtswehen, Spaltungen, Ringen um Positionen und Posten wird in einer Festschrift berichtet – und von spektakulären Austritten. Auch Klaus Resch hat die Partei damals bald wieder verlassen, von der er sich nicht gut behandelt fühlte. Der 80 Jahre alte Verleger hat 30 Jahre lang in Griechenland gelebt, zurzeit ist er dabei, wieder nach Deutschland zurückzukehren - zwar nicht in den Landkreis Starnberg, aber nach Konstanz.

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Sympathiebekundungen des "schwarzen" Starnberger Landrats Karl Roth

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"Stimmung gewaltig verändert". Klaus Resch, der erste Landesvorsitzende der Grünen. Hinten Karl Roth im Gespräch. © L.G.

Einen der auffallenden Auftritte beim Jubiläumsabend lieferte der Starnberger CSU-Landrat Karl Roth , der ohne Krawatte ans Rednerpult trat. Er hätte es selbst früher nicht für möglich gehalten, bekannte er, dass er als „schwarzer Landrat“ einmal ein Grußwort bei einer Jubiläumsfeier der Grünen sprechen würde.

Wenn einer von der CSU gesprochen hätte, hätte er gedacht, er sei auf einer falschen Veranstaltung, sagte Peter Unger dazu. Roth sprach von einer „gewissen Annäherung“. Die Grünen stellen mit zehn Mitgliedern die zweitstärkste Kreistagsfraktion, und Roth vermittelte den Eindruck, dass er mit ihnen gut zurechtkommt. „Wir haben viel gemeinsam bewegt“, sagte er. Mittlerweile sei das Thema „in den Köpfen aller Parteien, mit Ausnahmen vielleicht weniger“.

Resch sagte zu Roth: „Ich habe durch Ihre Rede gemerkt, dass sich die Stimmung gewaltig verändert hat.“ Auch der bayerische Landesvorsitzende Eike Hallitzky freute sich über Roths Bemerkungen: „Eine sehr charmante und kommunikativ auf uns zugehende Rede.“ Und Ruth Paulig sagte, sie und Roth würden sicher noch ein Stück weit gemeinsam gehen. Das alles klang schon fast nach einem beidseitigen Koalitionsantrag.

Der Tutzinger Bernd Pfitzner wird es mit besonderem Interesse vernommen haben. Er ist im Starnberger Kreistag Vorsitzender des Rechnungsprüfungsausschusses und hat damit die Hand auf dem Geld - oder, wie es Roth in diesem Umfeld betont locker formulierte, „auf der Kohle“.

Der bayerische Landesvorsitzende erklärt den Landkreis Starnberg zum Vorbild

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Beim Jubiläum: Ruth Paulig (links), Kerstin Täubner-Benicke (3.v.li.), Klaus Resch (4. v. li.), Peter Unger (5.v.li.), Eike Hallitzky (6.v.re.), Bernd Pfitzner (2.v.re.) und Martina Neubauer (re.) © L.G.

Die Grünen vermittelten bei dieser Jubiläumsfeier den Eindruck, dass es von vornherein ihr Anspruch gewesen sei, die Menschen auf sehr persönliche Weise für ihre Ziele zu gewinnen. Es müsse gelingen, jeden anzusprechen – an diese Parole aus der Anfangszeit erinnerte ein weiterer "Urgrüner", Maurice de Coulon, der mittlerweile schon lange im Landkreis Weilheim-Schongau lebt.

Der Landesvorsitzende Hallitzky sprach von der „Kraft, zuhören zu können und auf die anderen zugehen zu können“. Vertrauen sei nichts, was man einer Partei entgegenbringe, sondern eine menschliche Kategorie. „Das ist in Starnberg toll“, rief er aus, „und ich kenne meine Kreisverbände in Bayern.“

Hallitzky nannte vor allem zwei wichtige Ziele grüner Politik. Zum einen gehe es darum, die Lebensgrundlagen zu erhalten und nicht weiter zu zerstören: „Da mag die GroKo die Klimaschutzziele noch so für unverbindlich erklären - die Arktis schmilzt verbindlich.“ Er mahnte mehr Radikalität im Klimaschutz an und wies sehr nachdenklich darauf hin, dass 70 bis 80 Prozent der Insekten und Vögel verschwunden seien. Aus diesen Gründen beteiligten sich die Grünen auch am Volksbegehren zur Eindämmung der Betonflut.

Als zweites Ziel bezeichnete Hallitzky „das Miteinander“ - keine Spaltung. „Die Angst vor sozialem Abstieg gefährdet den sozialen Frieden in Deutschland“, warnte er. Die Grünen seien auch gegen jede Art von Ausgrenzung. Die Menschen müssten das Gefühl haben, dass es fair zugehe.

Nach der Landtagswahl würden die Zeiten absoluter Mehrheiten in Bayern vorbei sein, prognostizierte Hallitzky und bekräftigte: „Wir sind bereit, Verantwortung für Bayern zu übernehmen.“ Und dann sagte er noch: „Wir wollen uns ein Beispiel am Starnberger Kreistag nehmen.“

Quelle Titelbild: L.G.
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