Gemeinde
23.3.2025
Von vorOrt.news

Stärkung fürs Rückgrat schwankender Gemüter

Die Ausstellung zum Rathaus-Jubiläum hält manch Hintergründiges und Anekdoten über Tutzing bereit

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Beträchtlicher Andrang: Die Eröffnung der Rathaus-Ausstellung fand großes Interesse © L.G.

Als das Tutzinger Rathaus 1924 und 1925 errichtet wurde, war rundherum noch ziemlich viel unbebaut. Auch die katholische Kirche gab es damals noch nicht. Sie war aber schon geplant - und in ihrer Nähe wurde ein Grundstück fürs Rathaus gesucht. Hintergrund war offenbar das Ziel, in diesem Bereich eine neue Ortsmitte zu schaffen.

Solche und viele andere Details, auch manche Anekdoten kann man in einer Ausstellung zum 100jährigen Bestehen des Tutzinger Rathauses erfahren. Bei der Eröffnung am Donnerstagabend freute sich Bürgermeister Ludwig Horn über beträchtlichen Andrang. Viele interessierte Menschen waren aus diesem Anlass gekommen, das Erdgeschoss des Rathauses, in dem die Feier stattfand, war überfüllt.

Drei Altbürgermeister nahmen teil: Dr. Alfred Leclaire, Rathauschef von 1970 bis 1996, Peter Lederer (1996 bis 2008) und Marlene Greinwald (2018 bis 2024). Mit dabei waren auch die frühere Ministerin Prof. Ursula Männle, die Tutzinger Ehrenbürgerin Dr. Marianne Koch und der Starnberger Landrat Stefan Frey.

Begrüßung mit der Eurovisions-Hymne

Empfangen wurden sie alle von melodiösen Klängen, die gewissermaßen musikalisch den Bogen zur fünf Jahre nach dem Rathaus errichteten Kirche gegenüber spannten: Die St. Joseph-Bläser spielten vom ersten Stock herab das Hauptthema aus dem Präludium des Te Deum von Marc-Antoine Charpentier, das allgemein als Eurovisions-Hymne bekannt ist.

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Tutzinger Stolz 1925: Der damalige Neubau auf einem historischen Bild aus Privatbesitz © Familie Dreisbusch/Lorenz
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Die Rathaus-Erweiterung fiel kleiner aus als zunächst geplant

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Der Anbau, der nicht errichtet wurde: Modell einer größeren Rathaus-Erweiterung aus den 1970er Jahren, die aus Kostengründen verworfen wurde © Rathaus-Ausstellung

100 Jahre alt ist das Tutzinger Rathaus - und 100 Menschen sind zurzeit im Dienst der Gemeinde, wie Horn sagte. In den 1970er Jahren kam ein Anbau nach Plänen des Architekten Klaus Gittner hinzu. Die Erweiterung fiel allerdings aus Kostengründen kleiner aus als eine zunächst vorgesehene komplexere Variante. Bald reichte auch das vergrößerte Rathaus nicht mehr aus. Bereits 1986 wurde der Bauhof der Gemeinde in den Ortsteil Unterzeismering ausgelagert, und auch das Liegenschaftsamt ist seit Jahren in einem benachbarten Gebäude untergebracht.

Während die St. Joseph-Bläser mit Werken von Händel, Telemann und dem Österreicher Karl Derntl auf charmante Weise für unterhaltsame Atmosphäre sorgten, gab es in den Gängen des Rathauses viel Gesprächsstoff auf historischer Grundlage. So konnte man auf den aushängenden Tafeln erfahren, dass die Gemeinde den Baugrund für das Rathaus seinerzeit durch einen Grundstückstausch mit der Familie Dreisbusch beschafft hat.

Ein Plan von Architekten, die die Regierung vorschlug, kam nicht gut an

Theodor Dreisbusch, der sich kurz zuvor als freischaffender Architekt selbstständig gemacht hatte, erhielt den Auftrag zur Planung. Auf Anfrage der Gemeinde hatte die Regierung zuvor Architekten aus München vorgeschlagen, doch deren Plan gefiel nicht, wie Theodor Dreisbusch in einem Brief an seinen Bruder schrieb. Er habe daraufhin „Schneid“ bekommen und selbst zwei Entwürfe angefertigt. Mit denen setzte er sich dann gegen die Entwürfe eines weiteren Architekten aus München durch. Die Bauausführung übernahm die Tutzinger Baufirma Xaver Knittl.

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Charmante musikalische Begleitung brachten die St. Joseph-Bläser (von links) Peter Gasser, Michaela Olm, Ilke Schmid, Martin Dehn und Raimund Mader © L.G.

Großzügige Handwerksmeister ersparten der Gemeinde viel Geld

Die Baukosten des Rathauses wurden zunächst mit 90 000 Mark veranschlagt. Sie stiegen dann auf 123 388 Mark, was auf einer Beschreibung mit Lohnerhöhungen und besserer Ausstattung begründet wird. An einer Neugestaltung des Rathauses schon 1936 wirkten nach Angaben in der Ausstellung fast alle Handwerksmeister Tutzings unentgeltlich mit. Auf einer Tafel steht, die Gemeinde habe sich dadurch etwa 10 000 Mark gespart.

Tutzinger Persönlichkeiten von damals sind auf dem Fresko zu erkennen

Gemeindearchivarin Roswitha Duensing steuerte im Sitzungssaal interessante Erläuterungen zu dessen Gestaltung bei. Aus anderen Kommunen habe es oft Komplimente gegeben, berichtete sie: Tutzing habe den schönsten Sitzungssaal weit und breit. Die dekorative Bemalung der Decke und der Fensterumrandung stammt vom Kunstmaler Karl Gries (1897 bis 1975), der in Tutzing und vielen anderen Orten bekannte Werke geschaffen hat. In einem über die ganze Nordwand des Saals reichenden Fresko hat er den Festzug der Tutzinger Fischerhochzeit von 1813 so dargestellt, dass man in einigen Figuren Tutzinger Persönlichkeiten von damals erkennen kann.

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Roswitha Duensing steuerte Wissenswertes über das Fresko von Karl Gries im Sitzungssaal bei. Da hörte auch Bürgermeister Ludwig Horn sichtlich interessiert zu. © L.G.

Eine Bild aus Seide

Eine Besonderheit hängt auch an einer anderen Wand des Sitzungssaals: eine Stoffapplikation von Rita Munzig mit Tutzinger Motiven. Alfred Leclaire und seine Frau Irmi waren mit der Künstlerin befreundet, wie der Altbürgermeister erzählte, und er hat sie gebeten, diese Kollage anzufertigen – „alles aus Seide“, fügte er hinzu, das habe ihm seine Frau gesagt. Welche Gebäude da zu sehen sind, müsse jeder selbst herausfinden.

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Tutzing aus Stoff: Diese besondere Zusammenstellung der Künsterlin Rita Munzig hängt im Sitzungssaal © L.G.

25 Pelzkissen zur Einweihung

Für die Nutzer des Sitzungssaals gab es bei der Einweihung des Rathauses ein hintergründiges Geschenk, wie man in der Ausstellung erfahren kann: Der Tutzinger Pelzwarenfabrikant Oskar Schüler stiftete 25 Pelzkissen. Als Rückenlehne seien sie geeignet, „das Rückgrat schwankender Gemüter zu stärken“, schrieb er dazu. Weiter merkte er an, bei „wenig interessanten Dauerreden“ eigne sich so ein Kissen dazu, „das müde Haupt daran zu legen“. Und bei Dauersitzungen diene es „zur Schonung des rückwärtigen Körperteiles“.

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