Gemeinde
8.3.2024
Von vorOrt.news

„Tutzings Finanzlage ist nicht rosig“

Verlust der Gemeinde erfordert Ausgleich – Rücklagen von früher fast 10 Millionen Euro bald aufgebraucht

Der am Dienstag beschlossene kommunale Haushalt 2024 verdeutlicht eine erhebliche Finanzschwäche der Gemeinde Tutzing. Bei den vorangegangenen Beratungen wurden die Mitglieder des Gemeinderats zunächst mit einem Defizit von 1,5 Millionen Euro konfrontiert, wie den Berichten zu entnehmen war. Sie sahen sich deshalb gezwungen, kräftig den Rotstift anzusetzen und etliche eigentlich für notwendig gehaltene Investitionen zu streichen. So gelang es ihnen, den Verlust deutlich zu verringern – aber nicht komplett: Es verbleibt immer noch ein Verlust von 390 800 Euro. Die Gemeinde muss abermals in die Rücklagen greifen, um diesen Fehlbetrag auszugleichen.

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Blick auf Tutzing: Durch die Finanzbrille ist er nicht so schön wie die Aussicht, die man sonst gewöhnt ist
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Abbau der Rücklagen führt in den kritischen Bereich

Die Rücklagen der Gemeinde, die im Jahr 2020 fast 10 Millionen Euro betragen hatten, sinken damit auf 4,362 (Vorjahr 4,92) Millionen Euro, aber nicht so stark wie zunächst erwartet. Bis Ende 2024 sollen sie jedoch nach den derzeitigen Berechnungen weiter auf 1,364 Millionen Euro abnehmen. Das Finanzpolster der Gemeinde ist also bald aufgebraucht.

Bürgermeister Ludwig Horn redete in der Sitzung nicht drum herum: „Das führt uns in den kritischen Bereich.“ Und Kämmerin Manuela Goldate stellte kurz und bündig fest: „Unsere Finanzlage ist nicht rosig.“

Eine auf 3,47 (Vorjahr 1,9) Millionen Euro steigende Verschuldung verdeutlicht den Trend ebenso wie eine weitere Kreditaufnahme von 1,4 Millionen Euro. Im vorigen Jahr war es eine Million Euro, für das nächste Jahr ist sogar eine Kreditaufnahme von 3,8 Millionen Euro vorgesehen, wie der ebenfalls beschlossenen mittelfristigen Finanzplanung bis zum Jahr 2027 zu entnehmen ist. Die Pro-Kopf-Verschuldung der Gemeinde Tutzing ist dennoch mit 343 Euro immer noch weit geringer als im Landesdurchschnitt (781 Euro).

Beschränkte Aussagekraft des Haushalts

Es handele sich um einen „absoluten Sparhaushalt“, sagte Horn. Eine solche Beschreibung hatte schon seine Vorgängerin Marlene Greinwald für den Haushalt des vergangenen Jahres gewählt. Den zuständigen Mitarbeitern der Gemeindeverwaltung, allen voran Kämmerin Goldate, dankten Horn und mehrere Gemeinderäte aller Fraktionen für die detaillierte Aufbereitung des mehr als 380 Seiten umfassenden Zahlenwerks. Ein Überblick für Außenstehende ist dennoch schwierig und wohl selbst für manche Ratsmitglieder kaum nachvollziehbar. Umso mehr Respekt zeigten mehrere von ihnen für Horn, der sich in den Haushaltsvberatungen selbst in den Details bestens informiert gezeigt habe.

Die Aussagekraft des nach den Regeln der „Kameralistik“ geführten Haushalts bleibt aber beschränkt. Eine solche Rechnungslegung informiert, wie immer wieder kritisiert wird, nur unzureichend über viele Aspekte und entspricht informiert nicht den Anforderungen einer modernen Verwaltung. Nicht wenige Kommunen haben schon auf die weit aussagekräftigere doppelte Buchführung umgestellt, doch in Tutzing sind hierfür bisher keine Anzeichen zu erkennen.

Haushaltsvolumen steigt um 5 Millionen Euro

Das gesamte Haushaltsvolumen erhöht sich nach dem Plan 2024 auf 37,459 (Vorjahr 32,31) Millionen Euro, also um 5,15 Millionen Euro. Davon entfallen auf den Verwaltungshaushalt 27,277 (25,588) Millionen und auf den Vermögenshaushalt 10,182 (6,722) Millionen Euro.

Der Verwaltungshaushalt bildet die laufenden Einnahmen und Ausgaben ab, die das Vermögen nicht erhöhen oder vermindern. Dazu gehören die jährlich wiederkehrenden Einnahmen wie Steuern, nicht der Finanzierung von Investitionen dienende Zuweisungen anderer öffentlicher Stellen und Gebühren sowie die fortdauernden Ausgaben. Der Vermögenshaushalt berücksichtigt "vermögenswirksame" Einnahmen oder Ausgaben der Gemeinde. Darunter versteht man solche Finanzvorfälle, die sich vermögenserhöhend oder vermögensmindernd auswirken, beispielsweise Ausgaben für den Straßenbau oder Einnahmen aus dem Verkauf von Grundstücken.

In der Steuerkraft liegt Tutzing trotz Erhöhungen nur auf Platz 11 im Landkreis Starnberg

Die Entwicklung der Einnahmen bezeichnete Horn eigentlich als gut. Die Steuerkraft der Gemeinde ist sogar weiter gestiegen, wenn Tutzing auch in dieser Hinsicht nur auf dem elften Platz unter den 14 Kommunen des Landkreises Starnberg liegt. Dennoch führt die Verbesserung dazu, dass Tutzing keine so genannte Schlüsselzuweisungen mehr erhält, mit denen der Staat armen Kommunen unter die Arme greift, das so genannte „kommunale Hartz IV“.

Aber an allen Ecken stehen höhere Ausgaben gegenüber. So sind die Abführungen an den Landkreis Starnberg – die „Kreisumlage" - um 0,8 Millionen Euro gestiegen, und die Personalkosten haben sich um 0,67 Millionen Euro erhöht. Trotz vieler Kürzungen hat die Gemeinde aber ansehnliche Investitionen gestemmt und dabei „das Soziale nicht vergessen“, wie Horn betonte. Der Finanzierungsbogen spannt sich von den Kindertageseinrichtungen über die Wasserleitungen bis zu den Feuerwehren, vom barrierefreien Ausbau des Buttlerhofs über die Bücherei und die Musikschule bis zu den Obdachlosenunterkünften, von den Schuklen bis zu den Friedhöfen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Kommunen erhöht Tutzing den Gewerbesteuersatz nicht

Alles in allem aber hat sich das kommunale Finanzblatt gewendet: Während in den vergangenen Jahren Überschüsse im Verwaltungshaushalt erzielt worden sind, ist nun die gesetzlich geforderte Zuführung eines bestimmten Betrags aus dem Verwaltungs- in den Vermögenshaushalt („freie Spitze“) wegen des Verlustes nicht möglich. Umgekehrt wird eine Zuführung des Defizitbetrags von 390 800 Euro aus dem Vermögens- in den Verwaltungshaushalt erforderlich.
Im Haushalt gibt die Gemeindeverwaltung der Hoffnung Ausdruck, dass das Ergebnis in diesem Jahr deutlich besser ausfallen wird als die Planung. In der mittelfristigen Finanzplanung wird für 2025 schon wieder mit einer Zuführung in den Vermögenshaushalt gerechnet. Aber für die nächsten Jahre stehen schon erkennbare hohe Belastungen bevor, von denen sich viele im Haushaltsplan noch nicht widerspiegeln. So muss die Gemeinde ihren Anteil an der Sanierung der Ortsdurchfahrt bezahlen, das Dach der Dreifachturnhalle wartet auf eine teure Sanierung, und wie die auf mindestens 25 Millionen Euro geschätzte Kosten der Mittelschulsanierung bezahlt werden sollen, ist nach wie vor nicht geklärt.

Trotz der schwierigen Finanzlage lässt die Gemeinde Tutzing ihren Gewerbesteuer-Hebesatz bei 300 Prozent. Damit hebt sie sich von nicht wenigen anderen Kommunen ab, die die bei ihnen ansässigen Gewerbetriebe stärker als bisher belasten. So hat beispielsweise die Stadt Starnberg ihren Gewerbesteuer-Hebesatz kürzlich von 330 auf 380 Prozent erhöht. Die Tutzinger Gewerbesteuereinnahmen steigen im aktuellen Haushaltsplan dennoch von 6,5 Millionen auf 8 Millionen Euro.

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Kommentare

Die Tutzinger Kommunalpolitik, bzw. deren Wortführer haben durchaus Einfluss auf die Steuergesetzgebung, Herr Rekus. Indem sie den Tutzinger Wählern eine Wirklichkeit vermitteln, die entweder zutrifft oder schief ist. Sie beeinflussen mit ihren Narrativen die Wahlentscheidung der Bürger, die sich, einige Wahlen später, auf die Zusammensetzung des Bundestags, des Bundesrats und damit auf die Steuergesetzgebung auswirkt.

Wenn der Gemeinderat dem Bürger die Nachricht von den leeren Kassen so überbringt, dass dabei der Eindruck vermittelt wird, als müssten alle den Gürtel enger schnallen, ist das beispielsweise schief. Wer nicht gut informiert ist, könnte mit diesem Framing im Ohr dem Irrtum aufsitzen, es gäbe nichts zu verteilen. Nur stimmt das so ja ganz und nicht. Geld ist sehr wohl da:

Die wohlhabendsten zehn Prozent der Haushalte zusammen besitzen in Deutschland etwa 60 Prozent des Gesamtvermögens, während die unteren 20 Prozent gar kein Vermögen besitzen und etwa neun Prozent aller Haushalte verschuldet sind.

Sprechen wir also über die Hintergründe der Tatsache, dass die Gemeinde Tutzing pleite ist und bald wieder Tafelsilber (an Superreiche) wird verkaufen muss. Darüber müssen wir deshalb sprechen, weil wir bald auf wichtige Wahlen zusteuern werden.
Super Vorschlag!
^^
Dumm ist nur, dass die Tutzinger Kommunalpolitik so gar keinen Einfluß darauf hat; weder auf eine Reform der Erschaftssteuer, noch auf die längst überfällige Wiedereinführung einer reformierten Vermögenssteuer.

Nachtrag:
Aber die eine oder andere Tutzinger Familie könnte natürlich jetzt konkret nachrechnen, wie viel sie seit der Aussetzung der Vermögenssteuer (1997) gespart haben, und ob nicht 2024 ein guter Zeitpunkt wäre, noch mal ganz neu über die Verwendung dieser Gelder zu entscheiden?

Wichtige Projekte in Tutzing, die Unterstützung benötigen, gibt es zur Genüge; und entsprechende Spenden oder (Betriebs-)Ausgaben lassen sich wieder in der aktuellen Steuererklärung verwenden. Aber dann bitte nicht kleckern, sondern richtig klotzen!
Mal sehen, wer in der Tutzinger High Society tatsächlich die ganz dicken Hosen an hat?
;-)
(Bearbeitet)
Wozu in libertäre (Alb-)Traumwelten abgleiten, in denen Solidarität nach Lust, Laune und persönlichem Geschmack der Reichen erfolgt? Bedürftige werden dann zu Bittstellern und das Gemeinwesen hat keine verbrieften Rechte mehr auf die Solidarität derer, die auf Grundlage des gemeinschaftlichen Zusammenwirkens reich geworden sind.

Es gibt nur eine Lösung für das Problem eines unterfinanzierten Staates: Die Steuern müssen hoch. Und zwar nicht die Steuern auf Arbeit, sondern die auf Vermögen und Erbschaften. (Ohne die heute bestehenden sehr großzügigen Freibeträge für "Omas Häuschen" anzutasten.) Wer in der heutigen Situation wieder einen leistungsfähigen Staat haben will, muss so schnell wie möglich diese Steuern erhöhen.
Als Zuhörer auf den Publikumsplätzen möchte ich auch an 2 ergänzende Kommentare aus dem Ratsgremium erinnern:
1. Die Frage, ob es nicht doch sinnvoll wäre den Gewerbesteuerhebesatz zumindest auf den Durchschnitt im Landkreis anzuheben?
Darüber könnte man nachdenken und vielleicht auch die positiven, wie negativen Auswirkungen hochrechnen?
Vielleicht auch mit dem festen Grundsatz, den Hebesatz wieder abzusenken, sobald die Haushaltslage wieder entspannter ist?
2. Das freiwillige finanzielle Engagement aus der Bürgerschaft.
Abweichend von vordergründigen Image Tutzings, dürften bei den allermeisten Einheimischen dafür keine oder nur geringe Beträge liquide zur Verfügung stehen. Zu viele unter uns leiden selbst schmerzhaft unter der nach wie vor zu hohen Inflation.
Einige wenige, weit übers finanzielle Durchschnittsneveau hinausragende Personen bzw. Familien leben aber doch unter uns. Außerdem gibt es Unternehmen, die trotz allem gut verdienen und investieren können.
Sponsoring? Mäzenatentum? Imagepflege? Heimatverbundenheit? Investitionen rund um den eigenen Standort in die nächste Mitarbeitergeneration & deren Familien? (Geht's der Gemeinde gut, geht's auch dem Standort gut: die Stammbelegschaft bleibt gern und gesuchte Fachkräfte lassen sich leichter anwerben.)
Vielleicht kann auch die Gemeinde ihrerseits die Initiative ergreifen (und unser Bürgermeister zuvorderst), um mit den dafür in Frage kommenden Personen und Unternehmen ins Gespräch zu kommen, und welche Anreize oder gar Gegenleistungen man anbieten könnte?

Ich fantasiere jetzt mal ganz offen ins Unreine:
Warum heisst die Allianzarena nicht FC-Bayern Stadion oder Fröttmaninger Stadion? Offensichtlich gibt es eine Nachfrage für Namensrechte? Natürlich eine andere Preisklasse in Tutzing.
Wenn die Gerüchte stimmen, schätzt beispielsweise einer der reichsten Menschen weltweit und lebende Gottheit Tutzing angeblich sehr als Rückzugsort.
Vielleicht hat er auch ein Interesse, Tutzing in schweren Zeiten etwas zurückzugeben? Ein seiner Person und seiner Bedeutung angemessenes (Gast)Geschenk?
-> Wir haben eine noch gar nicht sooo alte Mehrzweckhalle, die immer nur Arbeit & Kosten verursacht.
-> Wir können seit Jahrzehnten unser Schulschwimmbad nicht mehr zum Schwimmunterricht benutzen.
-> Kürzlich wurde über die Spitznamen des Platzes Ecke Marienstraße/Hauptstraße gewitzelt, der aber meines Wissens offiziell noch keinen Namen trägt?
-> Wir müssen uns sinnvolle Investitionen und Sanierungen verkneifen und fahren unsere Gemeinde nicht erst seit diesem Jahr auf verschleiß.
Einen neuen Ansatz finden, mit dem Bürgermeister & Gemeinde arbeiten können.
(Bearbeitet)