Von Thorsten Kerbs

Wer gerade vergessen wird, das sind die Kinder

Die Krippen und Kindergärten sollen bis August geschlossen bleiben – darüber müssen wir reden

Man hört, und das ist gut so, in Tutzing viel Anteilnahme für die hiesigen Geschäftsleute. Man hört darüber hinaus überregional und regional viel von den Risikogruppen. Dass ältere Menschen konkreten Infektionsgefahren ausgesetzt sind und infolge der Isolation manche von ihnen quälende Einsamkeit durchleiden müssen. Man hört jedoch, und das ist überhaupt nicht gut, gar nichts mehr von den Schwierigkeiten, mit denen Kinder, Jugendliche und deren Familien in dieser Zeit zu kämpfen haben. Heranwachsende machen immerhin rund 15 Prozent der deutschen und wohl auch der Tutzinger Bevölkerung aus. Man begegnet ihnen gegenwärtig ungefähr mit einer solchen Haltung: Schulen und Kindergärten sind geschlossen, also haben die jungen Leute reichlich Freizeit, die sie entspannt mit ihren Eltern und Geschwistern verbringen können. Und irgendwie klingt das nach glückseligen Verhältnissen.

Aber das täuscht. Kinder und Jugendliche haben nämlich gewissermaßen ein entwicklungspsychologisches Problem. Sie leben in einer dichten Folge von Entwicklungsfenstern. Manche dieser Fenster erstrecken sich über ein paar Wochen, einige über Monate. Die meisten von ihnen sind wichtig, die allermeisten sogar unverzichtbar. Die bekannteste Entwicklungsphase wird Pubertät genannt und reicht über mehrere Jahre, wiewohl sie eigentlich aus vielen deutlich kürzeren Abschnitten besteht. Das Problem mit diesen Entwicklungsfenstern ist, dass sie sich nur einmal öffnen; hat man eines verpasst, kann das zugehörige Thema nicht nachgeholt werden. Es bleibt fortan eine Lücke bestehen, die sich störend in allen Lebensbereichen auswirken kann.

Eine Eigenheit von Entwicklungsaufgaben ist die, dass sie das Vorhandensein anderer Menschen voraussetzen. Es braucht Jüngere, Gleichaltrige, Ältere, Anregungen an unterschiedlichen Orten und aus vielen Milieus. Oder wie der Philosoph Martin Buber es ausdrückt: Nur durch das Du können wir zum Ich finden. Ohne Kontakt, ohne Berührung, ohne Blicke, ohne Rede und Gegenrede, ohne das Riechen, Tasten und Spüren eines lebendigen Gegenübers findet Entwicklung nicht statt. Wobei im Jahr 2020 ergänzt werden muss, dass Telefone und Bildschirme den Kontakt zu stark filtern, als dass sie Begegnungen in der wirklichen Welt ersetzen könnten. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb die Natur es so eingerichtet hat, dass Kinder sich ungeheuer viel bewegen. Ihre Bewegungsdynamik garantiert eine große Zahl von Kollisionen und Kontakten mit der belebten und unbelebten Umgebung.

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Miteinander, füreinander und beieinander © Thorsten Kerbs

Junge Menschen müssen also zahllose leibliche Begegnungen mit Menschen haben, wenn sie gesund und unbeschadet aufwachsen wollen. Ist das über einen längeren Zeitraum hinweg nicht möglich, so wie momentan, rauben wir ihnen die Grundvoraussetzung ihrer Reifung und Entwicklung. Wobei, wie oben erwähnt, der Faktor Zeit in jungen Jahren eine andere Dimension hat als im erwachsenen Erleben. Was uns kurz und verträglich vorkommt, dehnt sich aus Sicht des Kindes und der Entwicklungspsychologie stark in die Länge. (Nachlesen kann man das alles zum Beispiel im Standardwerk "Klinische Entwicklungspsychologie" von Rolf Oerter & Co. und in "Die emotionale Welt des Kindes" von Martin Dornes.)

Eingesperrten jungen Menschen geht es folglich umso besser, je mehr Bewegungsräume ihnen bleiben und je mehr Ansprechpartner ihrem Haushalt angehören. Womit wir bei der Gerechtigkeitsfrage wären, bei der sozio-ökonomischen Komponente dieser Krise. Denn von der sind Kinder von Alleinerziehenden in engen Zweizimmer-Hochhauswohnungen naturgemäß erheblich stärker betroffen als die von sogenannten intakten Familien mit großem Haus, weitläufigem Garten und Oma und Opa in der Einliegerwohnung.

Somit sollte deutlich geworden sein: Heranwachsende bringen mit dieser Ausgangssperre ein Opfer, das in seiner individuellen und gesellschaftlichen Tragweite nicht zu ermessen ist. Und dabei haben wir noch gar nicht über die Kinder gesprochen, in deren Lebenswelt die Schule den einzig sicheren Ort darstellt. Bei denen nur die Erzieherin im Hort oder im Kindergarten wachsam die Anzeichen einer Misshandlung im Blick hat und Hilfe organisieren könnte. Unter bayerischen Jugendlichen ist Suizid die zweithäufigste Todesursache – eine Zahl, die durch die soziale Isolation auch nachteilig beeinflusst werden dürfte. Und wenn zukünftig die Kosten der Corona-Rettungspakete beglichen sein wollen, werden die absehbaren Kürzungen im Sozialbereich wiederum in Kindergärten, Schulen und bei den Familienhilfen der Jugendämter sehr konkret zu besichtigen sein. Und damit letztlich auf die Lebenschancen der Heranwachsenden durchschlagen.

Wir sollten also jetzt in Tutzing beginnen, mit und über Familien, mit und über Kinder und Jugendliche in der Coronakrise zu sprechen. Wir könnten einfach sammeln, wem es aus dieser Bevölkerungsgruppe in Tutzing wie geht. Gleich hier in den Kommentaren (vielleicht auch anonym oder unter Pseudonym). Je mehr wir hören und lesen, desto weniger gerät dieser Teil der Bevölkerung in die Vergessenheit. Und das sollte nicht passieren, denn die Heranwachsenden sind die Zukunft. Grund genug, sich ihnen zu widmen.

Quelle Titelbild: Thorsten Kerbs
Über den Autor
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Thorsten Kerbs

Thorsten Kerbs ist als Psychologe tätig und in körperorientierter Psychotherpie ausgebildet. Er arbeitet für die Münchner Jugendämter und leitet das Nachhilfeinstitut Bayernnachhilfe.

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Comments

Sie sprechen mir aus der Seele! Ich finde es herausfordernd, den Kindern das zu bieten, was ihnen ihre gleichaltrigen Spielfreunde bieten. Meine Kinder sind im Waldkindergarten, da ist viel Raum in der Natur und frische Luft optimal um gesund zu bleiben. Jetzt haben sie das nicht mehr. Ich würde mich freuen, wenn wir etwas ähnliches organisieren könnten.
Lieber Herr Kerbs, danke, dass Sie diese Thematik so fundiert und differenziert ansprechen! Die meisten Eltern treibt diese Sorgen um, die wenigsten finden aber die Kraft und die Zeit, sich nach einem Tag im Homeoffice UND Kinderbetreuung überhaupt noch dazu zu äußern, geschweige denn die Situation zu ändern. Ich selbst bin nachHomeoffice, Homeschooling und Kleinkindbetreuung schlicht dazu nicht mehr in der Lage, obwohl ich sehr gerne wissen würde, welche Konzepte die Staatsregierung zu Schulen und Kitas nun eigentlich bereit hält - außer, dass die Kita- Elternbeiträge nun offenbar für die nächsten drei Monate erstattet werden, der Großteil der Familien aber ansonsten komplett alleine gelassen werden, nach dem Motto, irgendwie werden die das alles schon hinbekommen. Ja, wir bekommen das hin, aber die Kinder tragen die Folgen, genau wie Sie schreiben. Es lässt tief blicken, dass das in der öffentlichen Diskussion immer noch eine Randnotiz bleibt.
Ein interessantes Interview mit der ehemaligen Bundesfamilienministerin Kristina Schröder soll hier noch verlinkt werden. Schröder weist darauf hin, wie wortkarg die Politik derzeit auftritt. In einer Situation, die mit einem ganz konkreten, gegenwärtigen und folgenreichen Leiden von Minderjährigen verbunden ist. Während immer dann engagiert debattiert wird, wenn eigene Wertvorstellungen in politisches Handeln übersetzt werden sollen, es also um Machtpolitik geht. Nach der Lektüre ging mir durch den Kopf, dass echte Solidarität letztlich dort erkennbar wird, wo sie denjenigen zuteil wird, die sie für sich selbst (noch) nicht einfordern können.

https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-kitas-kristina-schroeder-1.4886195
Mittlerweile liest man in der Presse und hört man auch in der Politik eine zunehmende Zahl von Stimmen, die sich für die Belange von Familien einsetzen. Dabei kommen überwiegend die Schwierigkeiten der Eltern zur Sprache, die für sie mit den Kita- und Schulschließungen einher gehen. Einerseits ist das richtig und verständlich. Andererseits zeigt das aber, wie wenig in unserer Gesellschaft Kindern eigene Bedürfnisse zugemessen werden (auf die ich im oben stehenden Beitrag den Schwerpunkt gelegt hatte). Das Ifo-Zentrum für Bildungsökonomik in München verwendet nun gewissermaßen einen Trick, um die Öffentlichkeit für dieses Thema zu sensibilisieren. Es verweist auf den wissenschaftlich gut abgesicherten Zusammenhang zwischen der Lebenszeit, die Kinder in der Schule verbringen, und dem Einkommen, das danach (über die gesamte Lebenszeit hinweg) von ihnen erwirtschaftet wird. Man weiß aus aufwändigen Längsschnittstudien, dass jedes zusätzliche Jahr in der Schule im Durchschnitt 10 Prozent mehr Einkommen bringt. Umgekehrt wird daraus ein Schuh und man könnte nun den folgenden Appel formulieren: Liebe Tutzinger Eltern, Ihre Kinder werden im Gefolge einer viermonatigen Schulschließung mit einiger Wahrscheinlichkeit ein um drei Prozent verringertes Lebenszeiteinkommen erzielen. Was für ein Akademikerkind durchaus einen Verlust im sechsstelligen Bereich bedeuten kann. Es lohnt sich also durchaus auch ökonomisch, für die Interessen der hiesigen Schüler einzutreten – und Online-Unterricht ist da nur ein Teil der Lösung.

https://www.welt.de/wirtschaft/karriere/bildung/article207675345/Schulschliessungen-Schuelern-drohen-drei-Prozent-weniger-Lebenseinkommen.html
(Bearbeitet)
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