Als Thomas Grün sich am Dienstagabend die Hand vors Gesicht schlägt, ist das kein Anflug von Lampenfieber. Der stellvertretende Vorstand der Sparkasse Oberland spielt vor rund hundert Gästen noch einmal nach, wie skeptisch er reagierte, als ihm ein Mitarbeiter zum ersten Mal von der Anfrage für einen Photovoltaikpark am Oberen Hirschberg erzählte – außerhalb des angestammten Geschäftsgebiets der Sparkasse, unweit der Landkreisgrenze. Wenig später aber steht Grün mit Spaten in der Wiese oberhalb von Tutzing und gräbt gemeinsam mit Bürgermeister Ludwig Horn, Vorstand Marco Lorenz und weiteren Projektpartnern den ersten symbolischen Aushub für den Bürgerenergiepark. In der Abendsonne, mit Blick auf die Berge am Horizont, ist damit der Bau eines Projekts gestartet, das Photovoltaik, Batteriespeicher und künftig auch Ladeinfrastruktur zu einem der größten Bürgerenergievorhaben der Region bündeln soll.
Marco Lorenz, Vorstand der Bürgerenergie Tutzing eG, erinnerte in seiner Ansprache daran, dass die Idee vor rund vier Jahren aus dem Kreis der Initiative „Tutzing klimaneutral 2035" entstand – aus einem gemeinsamen Abendessen sei der Entschluss gereift, ein größeres Solarprojekt anzugehen. „Mit dem heutigen Spatenstich verwirklicht sich eine vor vier Jahren geborene Vision", sagte er: „Unser Bürgerenergiepark zeigt, was eine Gruppe engagierter Menschen im Schulterschluss mit Bürgermeister und Gemeinderat bewirken kann: ein großes Energieprojekt, gemeinschaftlich finanziert, regional verankert und mit einem langfristigen Nutzen für Umwelt, Gemeinde und Bürgerinnen und Bürger."
Ein Beleg für Bemühungen um Klimaschutz und Gemeinschaftsgefühl
Bürgermeister Horn begrüßte die „Genossen“ - eher ungewöhnlich für einen Konservativen, witzelte der junge Rathauschef von der CSU, und das Gelächter der Umstehenden war ihm sicher. Viele Mitglieder der Genossenschaft waren darunter, und Horn wertete dieses Miteinander nicht nur als großen Einsatz für den Klimaschutz, sondern auch als Beleg für intensives Gemeinschaftsgefühl, für tiefe Verwurzelung in der Gemeinde, was sich auch in beträchtlichem ehrenamtlichen Engagement zeige. Horn würdigte das Vorhaben als „bedeutendes Zukunftsprojekt für Tutzing", das die regionale Wertschöpfung stärke und zeige, „dass nachhaltige Entwicklung dann besonders erfolgreich ist, wenn sie von den Menschen vor Ort getragen wird." Der Gemeinderat habe das Projekt über den gesamten Planungsprozess mitgetragen - zunächst unter seiner Vorgängerin im Amt, Marlene Greinwald, die beim Spatenstich gestern dabei war - und dann nahtlos weitergeführt.
Technisch ist der Park keine gewöhnliche Solaranlage. Auf zwölf Hektar entsteht im ersten Bauabschnitt eine sogenannte Agri-PV-Zaunanlage mit 5,7 Megawatt Leistung, bei der die Module nicht flach nach Süden, sondern senkrecht nach Osten und Westen ausgerichtet sind. Ergänzt wird sie um einen Batteriespeicher mit 5,6 Megawattstunden Kapazität. Christian Joos, Geschäftsführer des Generalunternehmers Enpla GmbH, dankte den Tutzingern für diesen „ganz tollen Auftrag“ und für eine sehr gute bisherige Zusammenarbeit. Vor zwanzig Jahren habe eine solche Bauweise noch als „spinnert" gegolten, sagte er – heute liefere sie genau dann Strom, wenn er gebraucht werde: früh morgens und abends, statt wie klassische Anlagen vor allem mittags. Der Speicher fängt die Mittagsüberschüsse auf und gibt sie zeitversetzt ins Netz. „Ich wünsche diesem Projekt viele Morgensonnenstunden und Abendsonnenstunden, damit viel produziert wird“, sagte Horn.
Bis Ende November soll die Anlage weitgehend stehen
Die Fläche selbst bleibt landwirtschaftlich nutzbar: Zwischen den Modulreihen sollen künftig Schafe weiden. „Das Agri-PV-Projekt in Tutzing steht für Vieles, was uns wichtig ist: Verantwortung übernehmen, Ressourcen sinnvoll nutzen und nachhaltige Lösungen schaffen, die auch langfristig Bestand haben", so Joos: „Hier verbinden wir Landwirtschaft und erneuerbare Energie, ohne der Fläche ihre ursprüngliche Nutzung zu entziehen."
Für die Planung zeichnet die Schnepf RE.Solutions GmbH verantwortlich. Deren Geschäftsführer Marco Schmidt, urlaubsbedingt vertreten durch Projektleiter Ludwig Braun, ließ ausrichten: „Der heutige Spatenstich ist weit mehr als ein symbolischer Termin - er zeigt, dass aus einer gemeinsamen Vision, intensiver Planung und vielen abgestimmten Einzelschritten nun ein konkretes Energieprojekt für Tutzing wird." Braun berichtete beim Termin über den weiteren Ablauf: Noch in den kommenden zwei Wochen beginnt die Vermessung der Fläche, Anfang Oktober folgt der Bau des Zauns samt der in den Boden gerammten Fundamente. Bis Ende November soll die Anlage weitgehend stehen, so dass die Anlage zum Jahreswechsel im Sinn des Erneuerbare-Energien-Gesetzes in Betrieb genommen werden kann – der erste wichtige Meilenstein. Parallel dazu verlegt Enpla die Verkabelung zur geplanten Übergabestation an der Bundesstraße Richtung Monatshausen; der volle Netzanschluss und Einspeisebetrieb sind für das Frühjahr 2027 vorgesehen.
Gesamtinvestition der ersten Bauphase 4,9 Millionen Euro
Getragen wird der Bürgerenergiepark von der Bürgerenergie Tutzing eG – einer Genossenschaft, die im März 2025 gegründet wurde und inzwischen auf rund 400 Mitglieder angewachsen ist. Von der Gesamtinvestition der ersten Bauphase in Höhe von 4,9 Millionen Euro stammt gut ein Drittel - 1,7 Millionen Euro - aus Geschäftsanteilen und Nachrangdarlehen der Mitglieder selbst; die restlichen 3,2 Millionen Euro finanziert die Sparkasse Oberland als Bankkredit. Deren stellvertretender Vorstand Thomas Grün betonte, warum sich seine Bank trotz der Randlage des Standorts engagiert: „Als Finanzierungspartner unterstützen wir Projekte, die wirtschaftliche Vernunft mit gesellschaftlichem Nutzen verbinden.“
Der Bürgerenergiepark am Oberen Hirschberg ist für Grün „ein hervorragendes Beispiel dafür, wie nachhaltige Investitionen regionale Entwicklung fördern und langfristige Perspektiven schaffen können". Den Ausschlag habe letztlich ein gemeinsamer Ortstermin an der Hirschbergkurve gegeben, erzählte er: Der Blick von dort ins Tal – ohne Atomkraftwerk, ohne rauchende Schornsteine – habe ihm klargemacht, dass die Sonne der einzige Rohstoff sei, von dem Deutschland nicht abhängig ist.
An neue Mitglieder sind noch 30 000 Euro zu verteilen
Marco Lorenz dankte zum Abschluss ausdrücklich den ehrenamtlich tätigen Gründungsmitgliedern, dem Aufsichtsrat und den zahlreichen weiteren Aktiven, ohne die das Projekt „so nicht funktioniert hätte" – darunter auch seiner Frau Uta Waldau, die die Idee mit angestoßen hatte. „Ich hab noch nie gehört, dass es woanders so gut läuft wie in Tutzing“, schwärmte er. Von mittlerweile 400 Mitgliedern der Genossenschaft fühlen sich die Initiatoren bestens unterstützt. Ausdrücklich erwähnte Lorenz den Grundstückseigentümer Franz von L’Estocq und den Unternehmer Martin Fischer.
Über die reine Stromerzeugung hinaus blickt die Genossenschaft bereits auf einen zweiten Bauabschnitt: Sobald die Netzbezugszusage vorliegt, sind an der B2 in Höhe Kerschlach zehn Ladestationen für Pkw sowie zehn Lkw- und Bus-Ladestationen geplant – Letztere auf Initiative des Landratsamts Starnberg für den öffentlichen Nahverkehr, ergänzt um Busparkplätze und eine kleine Aufenthaltszone mit Kiosk. Angesichts von täglich 8000 bis 10 000 Pkw und bis zu 1000 Lkw, die an dieser Stelle der Bundesstraße vorbeikommen, sieht die Genossenschaft dafür realistisches Potenzial.
Wer sich an der Genossenschaft beteiligen möchte, kann laut Vorstand weiterhin Mitglied werden. Allerdings sollten diejenigen, die finanziell mit dabei sein wollen, nicht mehr allzu lange warten: Laut Lorenz sind nur noch etwa 30 000 Euro zu verteilen, bis die 1,7 Millionen Euro erreicht sind. Darüber hinaus nimmt die Bürgerenergie Tutzing eG für die laufende Finanzierungsrunde des ersten Bauabschnitts nach seinen Angaben keine weiteren Kapitalanteile mehr entgegen. Informationen gibt es unter www.be-tutzing.de.
Kommentar hinzufügen
Kommentare