Energie
23.9.2026
Von vorOrt.news

Wo die Lamellen der Sonne hinterherdrehen

Das Tutzinger Lobster-Gebäude steckt voller ungewöhnlicher Energietechnik

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Über den Dächern von Tutzing: Niko Hossain (links), Mitglied der Lobster-Geschäftsführung, und Planer Jochen Twiehaus

Ein leichter Wind, die Alpenkette am Horizont, unten der Ort: Wer beim „MiTgehTag“ der Tutzinger Initiative „MiTeinander“ kürzlich auf der Dachterrasse des Lobster-Gebäudes dabei war, hatte das Thema des Tages buchstäblich vor Augen: Energie. Hoch oben im Außenbereich des vierten Stockwerks wurde über die Wärmeversorgung gesprochen.

Jochen Twiehaus kennt das Unternehmen Lobster, wie er erzählte, seit dessen Anfängen mit einem einzigen Schreibtisch. „Lobster wuchs, verteilte sich über mehrere Gebäude im Ort, und irgendwann bat Firmengründer Dr. Martin Fischer unser Büro, eine Standortsuche zu begleiten“, erzählte der Mitinhaber des Tutzinger Architektur- und Ingenieurbüros Pfisterer Twiehaus, das den Bau geplant und realisiert hat. Bürgermeister anderer Landkreise hätten das Unternehmen nach seinen Worten gern für eine Ansiedlung in ihren Orten gehabt.

Den Ausschlag für Tutzing habe am Ende ein Argument gegeben, das er ausdrücklich auch als Energiefrage versteht: Die damals rund 250 Mitarbeiter – inzwischen deutlich mehr, dazu ein zweites Büro in Amsterdam – müssten jeden Tag kommen und gehen. Kurze Wege seien nicht nur eine Kostenfrage, sondern auch eine der Akzeptanz. Mit dem Gemeinderat und der damaligen Bürgermeisterin Marlene Greinwald sei das Verfahren dann ungewöhnlich zügig gelaufen.

Gebaut wurde in zwei Jahren, im vereinbarten Kostenrahmen. Seit gut fünf Jahren steht das Haus. Energie versteht Twiehaus dabei bewusst weit. Ein Gebäude spare Energie, sagte er, aber die eigentliche Energiequelle seien die Menschen darin – und die müssten sich wohlfühlen. Das Haus konkurriere schließlich mit den klassischen IT-Adressen in München.

Sichtbar wird diese Haltung schon im Treppenhaus: kein Anstrich, keine Dekoration, jeder Strich des Maurers und jede Höhenmarke noch vorhanden. Reduziert auf das Notwendige – und damit ohne Folgekosten.

Kein einziger Lichtschalter in den Etagen

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Die Lamellen an der Fassade drehen sich viertelstündlich mit der Sonne – nach Angaben des Planers der größte Energiesparer des Hauses.

Die Technik steckt an Stellen, an denen man sie nicht vermutet. Die Hauptkühllast liege in den Decken, erläuterte Twiehaus: Dicht unter der sichtbar belassenen Rohdecke verläuft ein Leitungssystem, ähnlich einer Fußbodenheizung, das im Sommer kühlt und im Winter mitheizt. Rund zwei Grad bringe das – genug, um die Lüftungstechnik später anspringen zu lassen.

Wo in den Decken keine Technik liegt, wurden Hohlkörper eingelegt, um Beton und vor allem Gewicht zu sparen. Die markanten Lamellen an der Fassade wiederum drehen sich viertelstündlich mit dem Sonnenstand, gesteuert von einem Programm, das auch die Wetterprognose der nächsten Tage einbezieht. Und in den Bürogeschossen sucht man Lichtschalter und Steckdosen vergeblich: Anwesenheitssensoren – keine Bewegungsmelder – erkennen, ob jemand da ist. Ab 18 Uhr brennt das Licht nur noch dort, wo tatsächlich gearbeitet wird.

Auch die Statik ist eine Besonderheit: Der Turm hängt. Die Lasten werden erst nach oben geführt und von dort an einer Stahlkonstruktion Etage für Etage nach unten gehängt; die Stützen werden nach unten dicker, rund 650 Tonnen kommen in der Tiefgarage an. Die Idee, sagte Twiehaus, gehe auf seinen Vater zurück, einen Bauingenieur, der Anfang der siebziger Jahre ein hängendes Gebäude für die Stadtsparkasse gebaut hatte.

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Fünfzehn stillgelegte Blockheizkraftwerke – und ein Gaskessel, der übrig blieb

Spannend – und ernüchternd – wurde es beim Blick auf einen blauen Container. Das Quartier wird zentral mit Wärme versorgt, ein Erbe eines älteren Entwicklungskonzepts. Ursprünglich liefen dafür Blockheizkraftwerke, also Gasmotoren, die Strom erzeugen und deren Abwärme zum Heizen genutzt wird. Das habe jahrelang funktioniert, sagte Twiehaus - allerdings vor allem wegen sehr hoher Einspeisevergütungen für den Strom.

Diese Förderung ist längst zurückgefahren, die Motoren haben begrenzte Laufzeiten und teure Reparaturen. In Tutzing stünden inzwischen rund fünfzehn dieser Anlagen still. Allein in den Kellern der Quartiere am Lobster-Standort seien vier eingebaut gewesen - alle wieder ausgebaut. Warm bleibt es trotzdem: Übrig geblieben ist der Spitzenlastkessel – eine ganz konventionelle Gasheizung. Keine tolle Idee, wie der Planer selbst einräumte.

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Blick auf eine vielleicht in Zukunft wichtige Energiequelle: Beim MiTgehtag auf der Dachterrasse des Lobster-Gebäudes war auch Wärme aus dem Starnberger See ein Thema © Fotos: L.G.

Hoffnung auf Wärme aus 15 Metern Tiefe

Genau darin sieht Twiehaus aber auch eine Chance. Weil die Infrastruktur für ein Netz bereits liegt, ließe sich das gesamte Quartier – zusammen mit einem geplanten weiteren Bau, der etwa dreimal so groß werden soll – künftig aus einer einzigen Wärmequelle versorgen. Sein Optimismus gilt dem See. Der Starnberger See ist mit fast 128 Metern außergewöhnlich tief, in der Tiefe bleibt die Temperatur übers Jahr konstant, und er wird tendenziell wärmer. Selbst wenn man den ganzen Ort damit versorge, sei die Abkühlung rechnerisch kaum messbar. Technisch brauche es einen vergleichsweise simplen Wärmetauscher, eine Entnahmetiefe von etwa 15 Metern genüge. Offen sind vor allem die wasserrechtlichen Fragen rund um Entnahme und Wiedereinleitung, aber auch der Naturschutz, denn der Starnberger See ist FFH-Gebiet nach EU-Recht. Überlegungen über eine breite Nutzung der Seewärme gibt es aber längst. So gilt beispielsweise das Krankenhaus mit seinem großen Verbrauche als möglicher Kandidat für eine spätere Ausbaustufe.

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