Wenn wir von Lernen sprechen, denken wir schnell an Schule: an Unterrichtsstunden, Lernziele, Aufgaben und daran, dass möglichst vorher feststeht, was Kinder am Ende wissen oder können sollen. In meiner pädagogischen Arbeit hier in Tutzing begegnet mir aber immer wieder eine andere Form des Lernens.
Im Kinderhort Krambambuli spielt ein schulischer Lehrplan für meine Arbeit keine Rolle. Auch bei Angeboten im Tutzinger Ferienprogramm stand mehrfach etwas ausgesprochen Einfaches im Mittelpunkt: die Natur vor der eigenen Haustür. Dafür braucht es kein besonderes Naturreservat, keine weite Reise und keine aufwendig vorbereitete Lernlandschaft. Oft reicht das, was ohnehin da ist. Ein Weg, ein Stück Wiese, ein Baum, eine Mauer, ein Tier, das plötzlich entdeckt wird, oder eine Frage, die sich aus einem Moment heraus entwickelt.
Das Entscheidende ist, dass nicht immer vorher feststand, was gelernt werden sollte
Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – können Kinder dabei erstaunlich viel lernen. Ein Tier wird entdeckt, das vorher niemand bemerkt hatte. Jemand stellt eine Frage, ein anderes Kind weiß etwas dazu. Es wird beobachtet, verglichen, ausprobiert oder widersprochen. Manchmal entsteht daraus ein längeres Gespräch, manchmal bleibt es bei einem einzelnen interessanten Moment. Das Entscheidende ist, dass nicht immer vorher feststand, was gelernt werden sollte.
Draußen kann sich die gewohnte Reihenfolge pädagogischer Planung umkehren. In Schule und Bildungsarbeit überlegen wir häufig zuerst, welche Frage gestellt werden soll, welches Material benötigt wird und welche Erkenntnis am Ende stehen könnte. In der Natur ist zuerst etwas da – und daraus entsteht vielleicht eine Frage. Ein Käfer, eine Feder, ein ungewöhnliches Blatt, ein Geräusch aus einem Baum oder eine Spur im Boden kann genügen, damit aus beiläufigem Vorbeigehen plötzlich genaues Hinsehen wird.
Dabei interessiert sich nicht jedes Kind für dasselbe. Während eines beim Käfer stehen bleibt, beschäftigt sich ein anderes längst mit einem Ast, einem Vogelruf oder etwas ganz anderem. Alle befinden sich am selben Ort, aber sie nehmen unterschiedliche Dinge wahr und gehen unterschiedlichen Fragen nach. Gerade darin liegt für mich eine besondere Qualität dieser Form des Lernens: Die Natur stellt nicht allen Kindern gleichzeitig dieselbe Aufgabe.
Manchmal genügt es, wenn Kinder etwas zum ersten Mal bewusst wahrnehmen
Unsere Aufgabe als Erwachsene kann dann darin bestehen, aufmerksam zu bleiben, Fragen aufzugreifen, Wissen anzubieten oder gemeinsam weiterzusuchen. Nicht jede Entdeckung muss sofort zu einer kleinen Unterrichtseinheit werden. Manchmal genügt es, wenn Kinder etwas zum ersten Mal bewusst wahrnehmen, eine Vermutung äußern oder merken, dass hinter einem scheinbar gewöhnlichen Detail mehr steckt, als sie zunächst gedacht haben.
Natürlich ersetzt das keinen Unterricht. Kinder brauchen systematisches Wissen, Erklärungen und auch die Auseinandersetzung mit Themen, die sie sich nicht selbst ausgesucht hätten. Aber vielleicht unterschätzen wir manchmal die andere Seite von Bildung: das Lernen, das beginnt, bevor jemand angekündigt hat, dass jetzt gelernt wird.
Gerade die Arbeit mit Kindern außerhalb des klassischen Unterrichts erinnert mich immer wieder daran. Ein Nachmittag draußen kann Spielen sein, Bewegung, gemeinsames Erleben und freie Zeit. Gleichzeitig können Kinder beobachten, Zusammenhänge erkennen, Fragen entwickeln und Erfahrungen machen, auf die sie später zurückgreifen. Das eine muss das andere nicht ausschließen.
„Müssen wir dafür eigentlich im Klassenzimmer bleiben?“
Vielleicht müssen wir deshalb nicht jede Naturbegegnung mit einem Lernziel versehen. Vielleicht reicht es manchmal, Kindern einen Ort, etwas Zeit und unsere Aufmerksamkeit zu geben und anschließend zu schauen, was daraus entsteht.
Denn Lernen beginnt nicht immer mit dem Satz:
„Heute lernen wir …“
Manchmal beginnt es einfach mit:
„Schau mal – was ist denn das?“
Dieser Gedanke beschäftigt mich schon wesentlich länger als meine heutige Arbeit in Tutzing. In meiner Zeit als Lehrer durfte ich Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse regelmäßig draußen begleiten. Was diese Erfahrungen mit meinem Verständnis von Unterricht verändert haben – und warum ich irgendwann auch bei Mathematik, Physik oder Technik immer häufiger die Frage stellte „Müssen wir dafür eigentlich im Klassenzimmer bleiben?“ – habe ich ausführlicher im Bella Wildherz Journal beschrieben.
„Wenn Unterricht nach draußen geht“
https://bellawildherz.de/journal/artikel/wenn-unterricht-nach-draussen-geht

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