Von Benjamin Kessel

Falsch gerechnet und trotzdem sinnvoll gedacht

Was Fehler beim Rechnen über die Denkweise eines Kindes verraten können

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Rechenheft © Benjamin Kessel

Zwei mal zwei ist vier. Wenn ein Kind sechs schreibt, ist das falsch. So eindeutig habe ich am Anfang meiner Lehrerlaufbahn häufig auf Mathematik geschaut: Es gab das richtige Ergebnis und einen schulischen Weg, der dorthin führte. Erst die Kinder selbst haben mir gezeigt, wie unterschiedlich man rechnen kann und welche sinnvollen Überlegungen manchmal hinter einer falschen Antwort stecken.

Nach über zehn Jahren als Mathematiklehrer interessiert mich deshalb zunehmend, wie ein Kind zu seinem Ergebnis gekommen ist. Denn eine falsche Zahl allein erzählt noch nicht die ganze Geschichte.

Vielleicht kennen Tutzinger Eltern diese Situation von den Hausaufgaben: Eine Rechnung stimmt nicht, obwohl eine ähnliche Aufgabe gestern noch gelungen ist. Man erklärt den Weg erneut, das Kind verbessert die Zahl – und macht wenig später wieder denselben Fehler. Schnell entsteht der Eindruck, es habe nicht zugehört oder sich zu wenig konzentriert. Dabei könnte die Schwierigkeit an einer ganz anderen Stelle liegen.

Ein Beispiel: Ein Kind schreibt „49 + 6 = 56“. Auf Nachfrage erklärt es: „Ich habe fünfzig plus sechs gerechnet. Das ist leichter.“ Dieser Gedanke ist durchaus sinnvoll. Das Kind nutzt eine einfachere Nachbaraufgabe. Allerdings hat es noch nicht berücksichtigt, dass es am Anfang eins dazugenommen hat.

Hier lohnt es sich, Ergebnis, Strategie und Verständnis auseinanderzuhalten. Das Ergebnis stimmt nicht, die gewählte Strategie ist brauchbar. Offen bleibt, ob das Kind den letzten Schritt vergessen hat oder noch nicht versteht, warum es das Ergebnis um eins verringern muss. Davon hängt ab, welche Unterstützung weiterhilft.

Eine ruhige Frage wie „Zeig mir, wie du gerechnet hast“ kann deshalb viel aufschlussreicher sein als eine sofortige Korrektur. Kinder dürfen ihren Weg auch zeichnen oder mit Gegenständen zeigen. So wird sichtbar, was bereits verstanden ist und wo eine Erklärung ansetzen kann. Eine passende Rückmeldung wäre dann: „Du hast erkannt, dass sich mit fünfzig leichter rechnen lässt. Jetzt schauen wir gemeinsam, was mit dem zusätzlichen Einer passiert.“

Aus Fehlern lernen Kinder nicht automatisch. Sie brauchen verständliche Rückmeldungen, passende Erklärungen und die Sicherheit, ihre Gedanken zeigen zu dürfen. Eltern müssen dafür nicht jede Aufgabe ausführlich untersuchen. Manchmal genügt ein kurzer Hinweis, manchmal hilft eine Pause.

Wenn Schwierigkeiten über längere Zeit bestehen, ist ein Gespräch mit der Lehrkraft sinnvoll. Ein einzelner Fehler belegt keine Dyskalkulie. Wiederkehrende Rechenwege können aber wichtige Hinweise darauf geben, welche Grundlagen noch Unterstützung brauchen.

Zwei mal zwei bleibt vier. Doch bevor wir die sechs im Heft verbessern, lohnt es sich, dem Gedanken dahinter zuzuhören.

[Den ausführlichen Artikel mit weiteren Beispielen und Hintergründen lesen Sie im ViaVita Journal.](https://viavita.me/journal/artikel/falsch-gerechnet-und-trotzdem-sinnvoll-gedacht.html)

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Benjamin Kessel

Ich bin Benjamin Kessel, Autor, Podcaster, Pädagoge und Dyskalkulietherapeut aus Tutzing. Ich schreibe über Bildung, Natur, Digitalisierung und Menschen, die unsere Region mit Engagement bewegen.

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