Von Benjamin Kessel

KI: Zerstörung oder Rettung? Wir entscheiden, was daraus wird

Ein Tutzinger Naturbildungsprojekt zeigt, warum künstliche Intelligenz weder Heilsbringer noch Feindbild ist

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Ein Tutzinger Naturbildungsprojekt zeigt, warum künstliche Intelligenz weder Heilsbringer noch Feindbild ist – sondern ein Werkzeug, dessen Wirkung von uns Menschen abhängt © Benjamin Kessel

Künstliche Intelligenz wird unsere Welt zerstören. Sie wird Menschen arbeitslos machen, das Internet mit bedeutungslosen Inhalten überschwemmen, Urheberinnen und Urheber enteignen und durch ihren enormen Ressourcenverbrauch die Umwelt zusätzlich belasten.

Oder aber: Künstliche Intelligenz wird Krankheiten erkennen, Bildung für alle zugänglich machen, Menschen mit Einschränkungen unterstützen, wissenschaftliche Forschung beschleunigen und dabei helfen, unsere Welt ein kleines Stück besser zu machen.

Beide Vorstellungen begegnen uns fast täglich. Und vermutlich enthalten beide einen Teil der Wahrheit.

Denn künstliche Intelligenz ist weder gut noch böse. Sie ist zunächst ein Werkzeug. Entscheidend ist, wer es benutzt, mit welchem Ziel es eingesetzt wird und welche Verantwortung der Mensch für das Ergebnis übernimmt.

Diese Erkenntnis ist für mich nicht nur eine theoretische Überlegung. Ich erlebe sie jeden Tag bei der Arbeit an meinem Tutzinger Naturbildungsprojekt „Bella Wildherz“.

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Ein Naturprojekt, das ohne KI kaum möglich wäre

Bella Wildherz entstand ursprünglich aus dem Wunsch, für meine Tochter ruhige und liebevolle Naturgeschichten zu entwickeln. Inzwischen ist daraus ein kostenloses und vollständig werbefreies Bildungsprojekt für Kinder, Familien, Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte geworden.

In den Geschichten begegnet die junge Rangerin Bella heimischen Tieren. Kinder lernen beispielsweise den Goldschakal, den Kammmolch, die Gartenkreuzspinne, den Mauersegler oder den Ameisenlöwen kennen. Zu den Podcastfolgen entstehen Lieder, Tierbilderbücher, Arbeitsmaterialien, Forscherfragen und kleine Naturmissionen. Diese Missionen sollen Kinder bewusst vom Bildschirm wegführen: hinaus in den Garten, an den See, auf eine Wiese oder in den Wald.

Hinter Bella steht jedoch weder eine Agentur noch ein finanziertes Produktionsstudio. Ich entwickle das Projekt allein – neben meiner Familie und zwei beruflichen Tätigkeiten.

Genau hier kommt künstliche Intelligenz ins Spiel.

Ich schreibe jedes Folgenskript, jeden Dialog und jeden Liedtext selbst. Die pädagogische Idee, die Figuren, die Dramaturgie und die Haltung gegenüber Tieren und Natur entstehen nicht durch einen Knopfdruck. KI-gestützte Werkzeuge helfen mir aber bei einzelnen Arbeitsschritten: bei technischen Fragen zur Website, bei der Fehlersuche, bei Bildentwürfen, synthetischen Stimmen oder musikalischen Arrangements.

Die von einer KI erzeugten Bilder betrachte ich dabei nicht als fertige Kunstwerke. Sie sind Rohmaterial. Ich wähle aus, verwerfe, korrigiere Fehler, bearbeite Farben und Bildaufbau und setze die endgültigen Materialien selbst zusammen. Auch Tierwissen wird nicht ungeprüft übernommen. Die Verantwortung für alles, was veröffentlicht wird, liegt bei mir.

Ohne diese Unterstützung könnte ich ein Projekt dieses Umfangs nicht allein und gleichzeitig kostenlos anbieten.

Dann kam die Kritik

In den vergangenen Wochen erhielt ich auch kritische Rückmeldungen. Der Außenauftritt von Bella wirke stark durch künstliche Intelligenz geprägt und dadurch möglicherweise weniger persönlich oder authentisch.

Solche Rückmeldungen sind zunächst unangenehm. Schließlich weiß ich selbst, wie viele Stunden Schreiben, Gestalten, Schneiden, Prüfen und Überarbeiten hinter einer einzigen Veröffentlichung stehen. Von außen ist diese Arbeit jedoch nicht immer sichtbar. Sichtbar sind zuerst die Bilder und die synthetischen Stimmen.

Ich hätte die Kritik einfach zurückweisen können. Stattdessen habe ich mich gefragt: Ist der Einsatz künstlicher Intelligenz in einem Naturschutzprojekt tatsächlich ein Widerspruch?

Die ehrliche Antwort lautet: Es gibt zumindest eine Spannung.

Auch digitale Werkzeuge verbrauchen Ressourcen

Künstliche Intelligenz ist nicht immateriell. Rechenzentren benötigen Strom, Kühlung, Wasser, technische Anlagen und Rohstoffe. Jede erzeugte Grafik, jede Sprachausgabe und jede Berechnung verursacht einen Ressourcenverbrauch – auch wenn dieser für die einzelne Nutzerin oder den einzelnen Nutzer kaum sichtbar ist.

Ein guter Zweck hebt diesen Verbrauch nicht automatisch auf. Ein Naturbildungsprojekt wird nicht allein deshalb nachhaltig, weil es von Tieren und Umweltschutz handelt.

Genauso wenig wäre es jedoch ehrlich, den ökologischen Nutzen digitaler Werkzeuge grundsätzlich auszuschließen. Künstliche Intelligenz kann Energie verschwenden und belanglose Inhalte in riesigen Mengen produzieren. Sie kann aber ebenso Forschung unterstützen, Abläufe verbessern, Wissen zugänglich machen und Menschen ermöglichen, Ideen umzusetzen, für die ihnen bisher Geld, Zeit oder ein ganzes Team fehlten.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie viele Ressourcen verbraucht eine Technologie?

Wir müssen ebenso fragen: Wofür werden diese Ressourcen eingesetzt – und was entsteht daraus in der wirklichen Welt?

Bei Bella entsteht aus digitalen Werkzeugen kein Angebot, das Kinder dauerhaft vor einen Bildschirm setzen soll. Im besten Fall geschieht genau das Gegenteil: Ein Kind hört eine Geschichte über einen Kammmolch, nimmt anschließend ein Forscherblatt mit nach draußen und beginnt, einen Teich genauer zu betrachten. Ein anderes entdeckt nach einer Folge plötzlich Mauersegler über den Dächern oder erkennt, dass eine Spinne im Garten kein Grund zur Angst sein muss.

Bella soll die wirkliche Natur nicht ersetzen. Bella soll eine Brücke zu ihr bauen.

Nicht möglichst viel, sondern möglichst sinnvoll

Auch mein eigener Umgang mit künstlicher Intelligenz verändert sich ständig. Ich versuche inzwischen, einige einfache Grundsätze einzuhalten.

Ich nutze KI nicht nur deshalb, weil etwas technisch möglich ist. Sie soll einem konkreten Arbeitsschritt oder einem sinnvollen Inhalt dienen. Vorhandene Ergebnisse werden lieber weiterentwickelt und verbessert, als immer neue Varianten zu erzeugen. Aussagen werden geprüft, Bilder überarbeitet und Fehler korrigiert. Persönliche Daten von Kindern werden für die Produktion nicht benötigt und auch nicht in KI-Systeme eingegeben.

Vor allem möchte ich offen benennen, wo künstliche Intelligenz beteiligt ist.

Transparenz bedeutet dabei nicht, ein kleines „mit KI erstellt“ unter ein Ergebnis zu schreiben und damit jede Verantwortung abzugeben. Im Gegenteil: Je leistungsfähiger die Werkzeuge werden, desto wichtiger wird die menschliche Verantwortung.

Wer hat den Inhalt geprüft? Wer steht für mögliche Fehler ein? Welche Werte werden vermittelt? Wurden Menschen getäuscht? Dient das Ergebnis nur der Aufmerksamkeit – oder besitzt es einen echten Wert?

Diese Entscheidungen trifft keine Maschine.

Jeder von uns entscheidet mit

Die öffentliche Diskussion über künstliche Intelligenz wird häufig geführt, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten: vollständige Begeisterung oder vollständige Ablehnung.

Aber KI wird nicht wieder verschwinden. Deshalb sollten wir nicht nur darüber diskutieren, ob sie eingesetzt wird. Viel wichtiger ist die Frage, wie wir sie einsetzen wollen.

Jede Nutzerin und jeder Nutzer trifft diese Entscheidung bei jeder Anwendung neu.

Nutze ich KI, um möglichst schnell möglichst viele belanglose Inhalte zu erzeugen? Um andere zu täuschen? Um menschliche Arbeit unsichtbar zu machen? Um selbst nicht mehr nachdenken zu müssen?

Oder nutze ich sie, um eine eigene Idee umzusetzen, Wissen verständlicher zu machen, Barrieren abzubauen, Fehler zu finden, Menschen zu unterstützen oder ein gemeinnütziges Projekt entstehen zu lassen, das ohne diese Hilfe niemals möglich gewesen wäre?

Auch Bella Wildherz ist nicht perfekt. Das Projekt wird sich weiterentwickeln, Fehler korrigieren und auf Kritik reagieren müssen. Mit wachsender Unterstützung sollen außerdem zunehmend echte Stimmen und menschliche Zusammenarbeit hinzukommen.

Aber Bella zeigt für mich bereits heute, was künstliche Intelligenz ermöglichen kann: Eine einzelne Person kann Geschichten, Musik, Bilder, Tierwissen, Arbeitsmaterialien und Naturmissionen zu einem kostenlosen Bildungsangebot verbinden und damit Kinder für die heimische Natur begeistern.

Künstliche Intelligenz allein wird die Welt weder retten noch zerstören.

Das werden weiterhin wir Menschen tun – auch durch die Entscheidung, wofür wir diese Technologie einsetzen.

Quelle Titelbild: Benjamin Kessel
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Über den Autor
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Benjamin Kessel

Ich bin Benjamin Kessel, Autor, Podcaster, Pädagoge und Dyskalkulietherapeut aus Tutzing. Ich schreibe über Bildung, Natur, Digitalisierung und Menschen, die unsere Region mit Engagement bewegen.

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Kommentare

Sehr interessanter Artikel, ich versuche auch seit einiger Zeit die Informationen der KI zu testen um die Möglichkeiten dieser neuen Ära der Informationen auszuloten.
Ich habe die KI über Weltall, Gesundsheitsprobleme, Weltanschauung und Hintergründe des Seins, technische Probleme gefragt und bin bei Nachfragen in immer tieferes Wissen der Datenbanken und Algorithmen gestoßen.
Ich bin derzeit zum Ergebnis gekommen, das ist für mein Erkenntnisstand nach 75 Jahren Erkenntnis/ Gefühle gesammelt zu haben ein Quantensprung in der Geschichte der Menschheit.
Ich bin glücklich, dass ich diese Erkenntnis noch erleben darf.
Leider stelle ich fest, dass die Ausbildung der Menschheit nicht zu mehr Bildung geführt hat.
Die vielen Menschen (30 bis 40%) alleine in Europa und USA glauben den Menschen in der Politik die einfache Lösungen für komplexe Probleme anbieten.
Das kann gewaltig schiefgehen trotz der KI.
Naja, da ich Geschichte nicht nur gelesen habe, sondern versuchte die Zusammenhänge zu verstehen, bin ich froh, dass ich 75 Jahre ohne Krieg in Deutschland leben durfte.
Lieber Benjamin Kessel, ich gratuliere!
Mit Bella Wildherz haben ein wirklich liebevoll & engagiert gemachtes Projekt auf die Beine gestellt.
(Bearbeitet)
Manchmal habe ich das Gefühl, die Debatte tue so, als verliefe der entscheidende Graben zwischen Befürwortern und Gegnern der KI. Aber ist das wirklich so, und liegt der eigentliche Bruch nicht ganz woanders? Er trennt die wenigen, die wissen, was diese Technologie heute schon leisten kann, von der großen Mehrheit, der dieses Wissen fehlt. Mir scheint, dass diese Unwissenheit kein harmloses Bildungsdefizit ist, sondern denen, die informiert sind, ein enormes Machtinstrument in die Hand gibt. Wer die tatsächliche Leistungsfähigkeit kennt und nutzt, während die Öffentlichkeit über ein Zerrbild streitet, verschafft sich einen Vorsprung, der sich kaum noch aufholen lässt. Dass Maschinen inzwischen Proteinstrukturen vorhersagen, medizinische Fachprüfungen bestehen, mathematische Beweise finden und eigenständig agierende Software schreiben, hat der durchschnittliche ChatGPT-Nutzer schlicht nicht auf dem Schirm – von den vielen alltagsnahen Anwendungen in der Wirtschaft ganz zu schweigen.

Das Muster kennen wir aus der Klimakrise, womit wir beim Naturthema dieses Artikels wären. Das Zeitfenster, in dem Gestaltung noch wenig gekostet hätte, wurde mit der Diskussion vertan, ob es das Phänomen überhaupt gibt. Während inzwischen die halbe Welt brennt, während die andere Hälfte bald wieder überflutet oder von Stürmen verwüstet wird, wiederholen wir offenbar die Übung: Die nächste Umwälzung wird bagatellisiert, und alle arbeiten weiter, als lebten wir in einer Vergangenheit, die es indes gar nicht mehr gibt.

Der Autor sagt zu Recht, dass KI nicht wieder verschwinden wird. Doch kann die Antwort darauf allein in der Gewissensprüfung jedes einzelnen Nutzers liegen? Schon beim CO2-Fußabdruck war das die bequeme Ausflucht derer, die eigentlich den Hut aufhatten. Gestalten kann nur, wer die Zusammenhänge versteht. Gerade darin liegt der Wert dieses Projekts. Es macht greifbar, was diese technologischen Werkzeuge in verantwortungsvollen Händen zu leisten vermögen. Umso dringlicher sollten wir wissen wollen, was anderswo bereits geschieht. Denn wer nach Macht strebt, hat sich längst kundig gemacht. Verschlafen werden solche Umbrüche meist von denen, die sich ihrer Gegenwart zu sicher sind.