Kürzlich hat die evangelische Kirche das Seeufergrundstück mit der „Violaburg“ gekauft. Kirche kauft Violaburg Damit hat sie nun das Schlossareal und die direkt benachbarte Violaburg in einer Hand - das gesamte Gelände zwischen dem Thomaplatz und der Schlossstraße am Westufer des Starnberger Sees. Das Areal des Tutzinger Schlosses umfasst etwa zwei Hektar, also rund 20 000 Quadratmeter. Das Grundstück mit der Violaburg ist rund 6000 Quadratmeter groß. Zusammen sind das also etwa 26 000 Quadratmeter.
Diese Transaktion fällt in eine Zeit der Umstrukturierungen in der evangelischen Kirche, die eigentlich eher mit einer Reduzierung ihres umfangreichen Immobilienbesitzes verbunden sein soll. Doch in Tutzing scheinen die Überlegungen in eine andere Richtung zu weisen - nämlich eine neue Nutzung des nun vergrößerten Schlossareals. Dabei soll auch ein Hotel zur Debatte stehen - und zwar ein Hotel der Luxuskategorie. Was das für die im Schloss Tutzing ansässige Evangelische Akademie bedeuten würde, ist offen.
Christine Büttner, die Pressesprecherin der evangelisch-lutherischen Landeskirche Bayern (ELKB), ordnet die Überlegungen auf Anfrage von vorOrt.news in die schon seit Jahren laufenden Bemühungen um Umstrukturierung ein. „Im Zuge der zunehmenden Austritte und der damit einhergehenden geringeren Finanzmittel ist die ELKB immer schon bemüht, den Ressourceneinsatz ihrer Arbeit gemäß dem kirchlichen Auftrag zu entwickeln und gesellschaftlichen Bedarfen anzupassen", sagt sie. Im November 2021 habe die Landessynode einen entsprechenden Prozess beauftragt. Nach einer ausführlichen Evaluation aller Tagungs- und Übernachtungshäuser sei eine Priorisierung erstellt worden. „Das Schloss Tutzing, das die Evangelische Akademie beherbergt, war eine Position dieser Liste", bestätigt Büttner.
Brandschutzmaßnahmen im Schloss ab Dezember
Der Hintergrund ist eine Rechnung, die der Landeskirche seit Jahren Sorgen macht. Bis 2035 erwartet sie einen weiteren Rückgang der Mitgliederzahl um 40 Prozent – und damit entsprechend weniger Finanzkraft in Dekanaten und Gemeinden. Für etwa die Hälfte ihres Immobilienbestands will sie die finanzielle Förderung bis dahin einstellen. Auf dem Papier stellen die Gebäude einen enormen Wert dar, aber in der Praxis sind sie oft eine schwere Last. So dürfen denkmalgeschützte Häuser nicht einfach verändert werden, und bei der Sanierung verschlingen sie große Summen. Auch im Tutzinger Schloss sind ab Dezember dieses Jahres Brandschutzmaßnahmen vorgesehen.
Der Landeskirchenrat hat Leitlinien für eine regionale Gebäudebedarfsplanung beschlossen. Alle Dekanatsbezirke müssen ihren Bestand erfassen – Pfarrdienstwohnungen, Pfarrämter, Gemeindehäuser, Kirchen, Kindertagesstätten, Übernachtungshäuser, Verwaltungsgebäude und Ertragsobjekte. Bis zu 50 Prozent dürfen in eine Kategorie A eingeordnet werden; diese Gebäude sollen über 2035 hinaus erhalten bleiben. Die übrigen, so genannte B- und C-Gebäude, sollen „transformiert" werden. Das kann bedeuten, dass sich Partner für Nutzung und Betrieb finden. Es kann bedeuten, dass ein Haus über Vermietung zur Ertragsimmobilie wird. Es kann aber auch bedeuten, dass verkauft oder aufgegeben wird.
„Ferien im Schloss" und externe Veranstaltungen sind wichtige Einnahmequellen
Bereits in einem offiziellen Bericht des Oberkirchenrats vor der Landessynode vom November 2024 heißt es, Schloss und Evangelische Akademie Tutzing sollten neu ausgerichtet werden – und zwar getrennt voneinander betrachtet. Die Neuausrichtung der Akademie hänge eng mit der „Ausrichtung der Nutzung des Schlosses" zusammen. Genannt werden auch Zahlen: derzeit rund 2,2 Millionen Euro landeskirchlicher Zuschuss, ab 2030 eine Einsparung von etwa 900.000 Euro jährlich – und das ohne eingerechnete Investitionen.
Damit ist offiziell dokumentiert, dass die Landeskirche nicht nur über die Inhalte der Akademie nachdenkt, sondern auch über die Zukunft des Schlosses als Immobilie. Ein Klausurtag des neu besetzten Kuratoriums zur Neuausrichtung war für Februar 2025 vorgesehen. Ein öffentlich zugänglicher Bericht über dessen Ergebnisse ist bislang nicht bekannt.
Die Evangelische Akademie selbst steht wirtschaftlich nicht schlecht da. Ihr Direktor Udo Hahn hat bereits 2021 erklärt, das Haus sei stabil und erwirtschafte 60 Prozent seines Haushalts selbst. Auch „Ferien im Schloss" und externe Veranstaltungen nannte er als wichtige Einnahmequellen.
Tiefgreifende Veränderungen werden nicht ausgeschlossen
Die Belastung liegt offenbar weniger im Programm als in der Kostenstruktur des Schlossbetriebs. Ob sich ein Hotel auf dem Gelände wirklich realisieren ließe, soll eine Machbarkeitsstudie zeigen. Im Gespräch sein soll ein Haus entweder der Kategorie 4 Sterne Superior – gehobener Komfort, deutlich mehr als vier Sterne – oder der Kategorie 5 Sterne, dem höchsten internationalen Luxusstandard. Ein Beschluss, eine kirchliche Vorlage oder eine öffentliche Äußerung, in der ein Hotelprojekt bestätigt würde, ist bislang nicht bekannt. Auch die Sprecherin der Landeskirche macht dazu keine konkreten Angaben – sie dementiert Hotelpläne aber auch nicht.
Stattdessen verweist sie auf zwei Beispiele aus dem laufenden Umstrukturierungsprozess, die zeigten, dass tiefgreifende Veränderungen nicht ausgeschlossen würden. Das erste ist das „Wildbad Rothenburg", ein schlossartiger Kurhauskomplex in Rothenburg ob der Tauber. Die Landeskirche entschied 2023, das Tagungs- und Gästehaus zu schließen und die Immobilie zu verkaufen. 2024 ging das Wildbad an die Stadtwerke Rothenburg - und die haben es an die Schlosshotel Hellenstein GmbH, eine Tochtergesellschaft der Stadtwerke Heidenheim AG, verpachtet, die den Hotel- und Tagungsbetrieb weiterführt. Die Mitarbeiter wurden übernommen. Das zweite ist das Haus Josefstal in Schliersee, wo sich seit 1961 ein Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit befand. Dort wurde der Betrieb eingestellt.
Eine mittlerweile eingeleitete zweite Auflage des Prozesses betreffe auch Tutzing, erklärt Büttner. Dabei gehe es darum, wie die bestehenden Häuser für die nächsten zehn Jahre und darüber hinaus durch Investitionsmittel nachhaltig zu halten seien. „Wir sind offen für unterschiedliche Lösungsansätze", sagt sie, "die die kirchlichen Gremien und gegebenenfalls die öffentliche Verwaltung erst beschließen müssen."
Beherbergung im Schloss wäre nicht neu
Neu wäre Beherbergung im Schloss ohnehin nicht. Die Akademie bezeichnet sich inzwischen selbst als Tagungshotel, bietet Gästezimmer und Restaurant an und öffnet das Haus in der tagungsfreien Sommerzeit als Hotel Garni – in diesem Jahr seit dem 16. Juli und noch bis zum kommenden Donnerstag, dem 3. September. Die Grenze zwischen Akademie und Hotel ist also in Tutzing längst fließend.
Als die evangelische Kirche 1949 das Tutzinger Schloss erwarb, war das kleinere Grundstück mit der Violaburg südlich davon nicht dabei. Diesen Bereich übertrugen die damaligen Eigentümer aus den Unternehmerfamilien Oetker und Kaselowsky stattdessen an den mit ihnen befreundeten Maler Anton Leidl (1900-1976), der einen auf dem Areal befindlichen alten Pavillon um ein Atelier erweiterte und dort bis zu seinem Tod wohnte. Versteckt hinter einer hohen Mauer Die Kirche versuchte mehrmals, auch dieses Areal zu erwerben. 2015 wurde bekannt, dass ihr Liegenschaftsreferat einen Projektentwickler mit Verhandlungen beauftragt habe. Der geforderte Kaufpreis wurde aber als „utopisch" bezeichnet. Drei Jahre später zeigte die Evangelische Akademie Interesse an dem Nachbargrundstück - ausdrücklich wegen zusätzlichen Raumbedarfs und der Möglichkeit, das eigene Gelände abzurunden. Jahre später hat die Kirche das Areal mit der Violaburg nun hinzuerworben. Was sie damit vorhat, wird sich zeigen.
Zusammenarbeit mit der Stadtakademie geplant
Die Evangelische Akademie Tutzing ist überregional als Ort des gesellschaftlichen Diskurses bekannt. Ihr Direktor Udo Hahn ist auch Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Akademien in Deutschland (EAD) e.V. Die Tutzinger Akademie holt regelmäßig namhafte Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Kirche und Zivilgesellschaft an den Starnberger See - ein Standortfaktor, der viel zur Bekanntheit des Ortes beiträgt.
Zu den bisherigen Nutzungen in den von Umstrukturierungen betroffenen Immobilien der Kirche erklärt Sprecherin Büttner, die „inhaltliche Arbeit“, die an den Standorten geleistet werde, sei von den Überlegungen „im Kern nicht betroffen". Auffallend ist in diesem Zusammenhang eine Mitteilung im neuen Tagungsprogramm der Akademie. Hahn schreibt in seiner Einführung: „Die Evangelische Akademie Tutzing und die Evangelische Stadtakademie München werden künftig enger zusammenarbeiten." Und: „Beide profitieren voneinander – in Köpfen, Formaten, Inhalten und Räumen." Die Stadtakademie verfügt über Räume in der Münchner Innenstadt. Mit denen im Tutzinger Schloss sind sie allerdings nicht zu vergleichen.
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Kommentare
Hotelbetrieb in 1A Lage am See = gute Kapitalanlage der Einnahmen aus Kirchensteuern der Gläubigen & Staatsknete von uns allen.
Erhalt alter, oft sanierungsbedürftiger (Sakral)Bauten für die dahinschmelzende Schar der Gläubigen = betriebswirtschaftliche Belastung.
Versteht man sich bei den ev. Landeskirchen noch als echte, staatlich begünstigte und bis hinauf im Grundgesetz geschützte Glaubensgemeinschaft, oder doch eher als (Immobilien)Konzern des 21. Jahrhunderts?
Vielleicht hätte Martin Luther damals zumindest den Ablaßhandel doch nicht ganz so strikt ablehnen sollen?
;-)) Gesündigt wird schließlich immer.
Nachtrag:
Wenn da nun landesweit alles strikt auf den Prüfstand kommt ... max 50 % in die Kategorie A ...
Welche ev. Immobilien werden wohl in Tutzing den Kategorien B + C zugeordnet?
Wer oder welche Einrichtungen & Projekte müssen angesichts dessen um ihre Zukunft bangen?
Wo wird möglicherweise die Gemeide Tutzing oder der Landkreis STA für den Fortbestand am Ende einspringen müssen?
Insbesondere bei sozialen Einrichtungen würde dies dann logischerweise die Frage aufwerfen ...
Welche staatlichen Gelder müssten in der Folge ebenfalls von bislang kirchlichen (Leistungs)Partnern zu dann konfessionsfreien Partnern umgeleitet werden?