Bauplanung
10.4.2022
Von vorOrt.news

Platzwirkung mit Einschränkung

Bräuhausstraße zwischen Fußgängerpassagen: Farbige Schwelle soll Autoverkehr bremsen

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Gelb markiert ist auf dieser Skizze eine denkbare Wegeverbindung, wie sie eines Tages vom Bahnhof über den Hubert-Hupfauf-Platz und das Ex-Roche-Gelände führen könnte - und von dort über die Hallberger Allee weiter bis zum Seeufer © Prof. Florian Burgstaller

Die Zeiten der Industriebrache neigen sich dem Ende zu. Wo früher Boehringer-Mannheim und Roche waren, stehen zwei von fünf mehrstöckigen Neubauten, drei weitere sollen folgen. Gegenüber, zum Bahnhof hin, prägen längst die Siedlung „Lakeside Living“ und nebenan größere Geschäftshäuser das Bild. Zwischendrin sollen Fußgängerpassagen, Plätze, Läden und Gastronomiebetriebe zum Bummeln und zum Verweilen einladen – und zwar trotz des Autoverkehrs. Der Bebauungsplan sieht nach Angaben der Gemeindeverwaltung vor, „auf der Bräuhausstraße im Bereich des Hubert-Hupfauf-Platzes und der Einmündung eines gemeinsamen Fuß- und Radwegs auf dem Grundstück der Firma Lobster eine einheitliche Platzwirkung zu schaffen“. Auf einer älteren Illustration der Projektentwickler ehret + klein (siehe Bild unten) sieht es tatsächlich so aus, als würde sich ein platzartiger Charakter vom Bereich des Hubert-Hupfauf-Platzes über die Bräuhausstraße hinweg bis zu den Neubauten auf dem früheren Roche-Gelände erstrecken.

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Ein Platz scheint auf dieser älteren Illustration den Hubert-Hupfauf-Platz (links) über die Bräuhausstraße hinweg mit dem Areal zwischen den Neubauten auf dem Ex-Roche-Gelände zu verbinden. Aber stattdessen soll es eine farbig markierte Anhebung, also eine Schwelle auf der Bräuhausstraße geben. © Fix-Visuals / ehret+klein
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„Der Schülerstrom rennt jeden Morgen ohne zu schauen über die Straße.“

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So könnte eine Fußgängerpassage zwischen den Neubauten eines Tages aussehen. Doch auf dieser Visualisierung endet die Passage an der Straße. © Fix-Visuals / ehret+klein

Das hat allerdings jetzt im Umwelt-, Energie- und Verkehrsausschuss des Gemeinderats zu Diskussionen geführt. Einige Ausschussmitglieder plädierten trotz der Festlegung im Bebauungsplan für eine klare Trennung der Straße gegenüber dem Platz. Die Straße sei kein Aufenthaltsort, warnte Dr. Joachim Weber-Guskar (FDP). Er plädierte für eine klare Unterscheidung. Florian Schotter (CSU) befürchtete ebenfalls Risiken, wenn über die Straße hinweg ein Platzcharakter erzeugt werde. Gerade Kindern werde so der Eindruck vermittelt, alles gehöre zusammen. Sie würden dann möglicherweise „blindlings über die Straße laufen“. Weber-Guskar bestätigte dies durch tägliche Beobachtungen auf seinem morgendlichen Weg: „Der Schülerstrom rennt jeden Morgen ohne zu schauen über die Straße.“ Er warnte davor, solchem Verhalten noch mehr „Tür und Tor“ zu öffnen. Schotter und Weber-Guskar setzten sich deshalb nachdrücklich für eine deutliche optische Unterscheidung der Straße vom Platz ein.

Flora Weichmann (Grüne) mahnte demgegenüber mehr Gleichbehandlung der Verkehrsteilnehmer an. Man dürfe nicht immer nur die Autofahrer ins Zentrum rücken. Für ihn stehe die Sicherheit der Kinder im Zentrum, sagte Schotter dazu.

Niveaugleiche Fläche zwischen Fahrbahn und Gehweg

Bei der Abstimmung ging es um die Gestaltung des Übergangs über die Bräuhausstraße. Die Gemeinde hatte im Vorfeld eine Stellungnahme bei der zuständigen Polizeiinspektion eingeholt, und zwar in Hinblick auf einen Fußgängerüberweg mit Zebrastreifen und zur Ausgestaltung der Platzwirkung.

Einem Überweg mit Zebrastreifen wollte die Polizei nicht vollumfänglich zustimmen, weil die rechtlichen Vorgaben für eine solche Anlage nicht erfüllt seien. Zur Ausgestaltung der Platzwirkung wurde erläutert, hierfür könne farbiger Asphalt verwendet werden, allerdings werde die Einrichtung eines „verkehrsberuhigten Geschäftsbereichs“ bevorzugt. Zu diesem Zweck könne zum Beispiel eine niveaugleiche Fläche zwischen Fahrbahn und Gehweg geschaffen werde. Möglich sei aber auch eine Pflasterung des Gehwegs und eine Asphaltierung der Straße oder eine durchgehende Pflasterung. Für diesen Bereich könne dann eine Geschwindigkeitsbegrenzung von Tempo 20 angeordnet werden. Gegebenenfalls bestehe auch die Möglichkeit, den gesamten „Platz“ mit so genannten Z-Steinen anzuheben und ihn mit den selben Steinen zu pflastern, die für den Bereich des Gehwegs auf dem Grund der Firma Lobster verwendet werden. Diese Maßnahme würde nach Angaben der Gemeinde geschätzt 30 000 Euro kosten. Die günstigere Variante seine Anhebung des Bereichs mit farblicher Asphaltierung statt Pflasterung.

Zur Abstimmung gestellt wurde zunächst eine Pflasterung, für die sich aber nur zwei Ausschussmitglieder entschieden. Mehrheitlich befürwortet wurde die Variante mit Anhebung des Übergangs, also einer Schwelle für die Autofahrer, und farblicher Asphaltierung. Die im Bebauungsplan festgelegte Platzwirkung, wie sie auf der älteren Illustration visualisiert wurde, dürfte es also allenfalls mit Einschränkungen geben.

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Auf der einen Seite ist der Platz längst fertig (oben), auf der anderen Seite soll es eine Fußgängerpassage geben (unten) - aber mitten drin ist die Bräuhausstraße © L.G.
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© L.G.
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Comments

Natürlich rennen die Kinder hier, so schnell sie können. Sie wollen ja auch diese dröge Glas-Beton-Wüste hinter sich lassen. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie unattraktiv dieses Gelände für jedes fühlend-beseelte Wesen ist, dann wäre der hiermit erbracht. Und es spricht Bände, dass die metaphorischen "alten weißen Männer" von FDP und CSU wieder einmal das Primat des PKW gegenüber dem Kind einfordern. So als gäbe es keine globale Wirklichkeit außerhalb des eigenen Dorfidylls. Dieser Aufbau einer obsoleten Infrastruktur wird wieder teure und unangenehme Folgen haben, die in nicht allzu ferner Zukunft von eben diesen Kinder ausgebadet werden müssen. Wenn diese Verkehrspolitik in jeder Hinsicht zu kurz gedacht ist, zeigt sie darüber hinaus eine gehörige Rücksichtslosigkeit.

Die beste Lösung bremst folglich den motorisierten Individualverkehr auf Mindestgeschwindigkeit runter und fordert über die Gestaltung der Verkehrssituation den Autofahrer dazu auf, Rücksicht auf alle schwächeren Verkehrsteilnehmer zu nehmen. Im Idealfall bekommt er dann sogar Lust, das Auto stehen zu lassen und sich auf gesunde, ressourcenschonende, diktatorenunfreundliche und nicht zuletzt die geselligste Art und Weise durch Tutzing zu bewegen.
Sehr geehrter Herr Kerbs, Geschmäcker sind verschieden, persönliche Wahrnehmungen offensichtlich auch. Gehen Sie doch mal bei leichten Plustemperaturen in die bereits fertig gestellte Fußgängerzone und schauen, was da los ist. Und dann schreiben Sie nochmal....
Das wollte ich auch schon schreiben. Es dürfte an schönen Tagen eine der belebtesten Stellen im Ort sein. Und dass Kinder hier weg rennen, so schnell sie können, ist Unsinn. Genau das Gegenteil ist der Fall. Hier entwickelt sich ein richtige Szene. Kinder aller Altersklassen findet man hier. Nicht zuletzt Tutzings bestes Eis sorgt hier schon für Belebung.

Und das Überqueren der Bräuhaustraße - egal wie die Lösung wird - sollte auch Kinder nicht vor Probleme stellen. Wenn sie es selbständig geschafft haben mit der S Bahn anzukommen, dann sollte sie das Überqueren einer Straße auch nicht überfordern.

Was fehlt, um den Platz noch attraktiver zu machen wäre ein nettes, gemütliches Cafe. Dann würde der Platz sich schnell zu einem Treffpunkt für alle Altersklassen entwickeln.



(Bearbeitet)
Als Architekt, der maßgeblich an diesem Bauprojekt beteiligt ist, liegt es nahe, dass Ihnen sein Stil gefällt, Herr Twiehaus, ich verstehe das. Und mir ist auch klar, dass aus Ihrer unternehmerischen Perspektive solche Zweck- und Funktionsbauten großartig sind. Sie sind zufrieden, wenn Passanten sich in der Eisdiele einen Becher mit zwei Kugeln und Sahne holen, auf Betonkübeln Platz nehmen und bald nach dem Verzehr wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren oder in die S-Bahn steigen. Damit ist die Existenz des Erdgeschossmieters abgesichert und das Gelände sieht irgendwie belebt aus, alles gut. Nur, was ist mit denen, die Eis nicht mögen, gesund leben wollen oder einfach keine Lust haben, zu konsumieren? Die kommen in dieser Betrachtung schon mal gar nicht vor. Zwar können die sich ebenfalls auf einem Kübel niederlassen, ihnen bleibt dann aber wenig mehr, als die Glaspalastwände zu bestaunen. Und das ist unterm Strich doch ziemlich wenig.

Derweil knallt denen mit und denen ohne Eis gleichermaßen die Sonne auf den Schädel und staut sich über dem Steinboden die Hitze. Apropos, da gibt es ja noch den Klimawandel. Darf ich kurz erinnern? Jahr für Jahr steigen die Temperaturen, was für eng bebaute Siedlungen die Schwierigkeit mit sich bringt, für Kühlung sorgen zu müssen. Da helfen, wie man heute weiß, die Verdunstungseffekte einer Begrünung. Beton und Asphalt speichern Sonnenwärme besonders gut, tragen also zur Erwärmung bei. Während Grünpflanzen und die Prinzipien der feuchten „Schwammstadt“ die Temperaturen sinken lassen. Täusche ich mich, oder haben Sie dann mit diesem Bauprojekt gewissermaßen genau den falschen Weg eingeschlagen? Womit wir gleich bei der zweiten großen Gefahr in Zeiten des Klimawandels wären, der Überflutung infolge Starkregens. Wenn die Sturzbäche zwischen ihren Gebäuden, über all die versiegelten Böden ins Tal rauschen, haben wir es in dem Neubauareal nicht nur mit einem ästhetischen Problem zu tun, sondern es braut sich hier für die Talanrainer eine sehr konkrete Hochwassergefahr zusammen. Eine Bedrohung, die auch hier, auf den vorOrt.news, bereits ausführlich diskutiert wurde.

Korrigieren Sie mich bitte, aber nach einer Schwammstadt sieht dieses Areal ganz und gar nicht aus. So verkörpert der Komplex für mich neben seiner Hässlichkeit all das, was man in der Gegenwart gerade nicht machen sollte. Zukunftsfähigkeit: Fehlanzeige.
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